Nach all den „Diskussionen“ zur Politik, die ich, wie gesagt, eigentlich gar nicht habe anstoßen wollen, dann mal wieder zum Kern zurück, zu den Wetten nämlich.
Als erstes werte ich mal meine Biden-Wetten als verloren aus. Wenn wir im Augenblick nicht viel wissen, dann aber ziemlich sicher, dass Biden nicht der nächste US-Präsident wird. Macht für mich also -5 Einheiten.
Ich hatte ja ausführlich begründet, warum ich Biden für einen guten Kandidaten gehalten hatte, zumindest die Quote von 3 für günstig hielt. Nach der sehr überzeugenden State of the Union -Rede hatte ich gedacht, er würde auch bei der Debatte überzeugen, habe nochmal nachgelegt -und dann staunend vor der Glotze gesessen. Tja, war wohl nix, sorry.
Wie geht es jetzt weiter, wie ist die Situation einzuschätzen? Im Einführungspost hatte ich geschrieben, dass niemand weiß wie es ausgeht, weil es einfach zu viele Unbekannte gibt. Einiges hat sich natürlich geklärt, aber durch den Kandidatenwechsel sind natürlich neue Unklarheiten aufgekommen.
Vergleichsweise einfach ist die Situation bei Trump einzuschätzen. Ich hatte ja in einem der vorangegangenen Posts schon geschrieben, dass ich Trump für einen vollkommen schlagbaren Kandidaten halte. Er hat weder 2016 noch 2020 die Mehrheit der Stimmen gehabt, die Midterms 2018 und 2020 sind mit ihm als Gallionsfigur verloren gegangen, die meisten der von ihm endorsten Kandidaten haben verloren (sofern umkämpfte Rennen). Er ist ein Idiot und die Leute wissen das und sie haben keinen Bock auf ihn. 46-48% werden ihn wählen, eine gewisser Teil davon, weil sie es nicht über‘s Herz bringen einen Demokraten zu wählen, aber mehr sind es bis jetzt nicht gewesen.
Trump hat ein sehr gutes Team, sehr gute, disziplinierte Leute – zumindest bis zum Kandidatenwechsel, seitdem geht alles drunter und drüber, aber das das dürfte sich legen. Aber Trump selbst ist eben ein extrem undisziplinierter Kandidat. Am Ende steht er sich selbst im Weg, das ist unausweichlich und er wird alle ständig daran erinnern, dass er ein Idiot ist. Das hat er mit seiner VP-Wahl auch schon wieder bewiesen.
Für mich die einzige wirkliche Unbekannte ist, wie sich der Anschlag langfristig auswirkt. Ich höre ständig, damit wäre die Wahl entschieden. Ich verstehe nur nicht genau warum. Was macht ihn jetzt als Kandidaten besser, wenn ein verwirrter Jugendlicher auf ihn geschossen hat? Dieses ikonische Bild, mit der erhobenen Faust? Vielleicht, kann sein. Kann aber auch sein, dass das in drei Monaten keine Rolle mehr spielt. Das wird man abwarten müssen. Es kann übrigens auch sein, dass all das genau das Bild verfestigt, dass er seinen Skeptikern immer geliefert hat. Statt jetzt die Gelegenheit zu nutzen sich als geläuterter Mann zu geben, der die Nation einigen will, tritt er weiter seinen Brei aus Angst, Selbstveropferung und Hetze breit. Nur als Nebenbemerkung: als Robert Kennedy angeschossen wurde, war seine erste Reaktion „is everyone okay?“, als Trump angeschossen wurde war seine erste Reaktion „where are my shoes?“.
Nicht so richtig klar ist das Bild bei Harris, da gibt es eine ganze Reihe von Unbekannten. Ich glaube die wichtigsten Fragen sind, ob Harris auf den 2. Blick überzeugen kann oder nicht und ob die Leute sie sich als Präsidentin vorstellen können oder nicht. Harris ist nicht übermäßig populär, aber auch nicht übermäßig unpopulär. Hätte es einen offenen Wettbewerb gegeben, hätte sie sich wohl kaum durchgesetzt vermutlich. Und ich glaube kein bisschen, dass sie die stärkste Kandidatin ist, die die Demokraten gehabt hätten. Aber ich schätze, dass bei vielen Leuten erst jetzt der 2. Blick kommt, nachdem sie die Kandidatin ist und man sich ganz konkret überlegen muss sie zu wählen, oder eben nicht. Dass sich bei Trump das Meinungsbild noch ändert, ist nach 8 Jahren in der Politik und Dauerpräsenz in den Medien nicht so arg wahrscheinlich. Harris hat dagegen noch das Potential zuzulegen. Kann natürlich auch sein, dass sich viele beim 2. Blick erst recht abwenden.
Natürlich drängt sich der Vergleich mit Obama und mit Hillary Clinton auf. Auch das waren Leute, die den gewohnten Mustern nicht entsprochen haben. Und da müssen sich die Leute halt überlegen, ob sie sich den oder die im Weißen Haus vorstellen können. Bei Obama war die Antwort sehr eindeutig, einfach weil er ein sehr ernsthafter und charismatischer Typ ist. Bei Hillary war es nicht ganz so eindeutig, aber da haben sich am Ende eben (zu) viele nicht vorstellen können diese Frau als Präsidentin zu haben – was sicher auch mit mäßigen Sympathiewerten und einer ganzen Menge anderem Gepäck zu tun hatte. Harris ist schwarz und sie ist eine Frau – das könnte für viele ein bisschen zu viel sein.
Was klar ist, Harris wird das Trump-Lager extrem mobilisieren. Für die ist eine schwarze Frau mit relativ liberalen Politikvorstellungen ein ziemlich rotes Tuch.
Spannend ist die Frage, wie viele der Wähler von Nikky Haley Harris aufsammeln kann. Biden hätte hier gute Chancen gehabt, zumindest ein fitter Biden, das war ja 2020 der Pfad zum Sieg. Harris dürfte für einige von denen aber eine Umdrehung zu viel sein und sie kehren doch in’s Trump-Lager zurück.
Harris wird auch bei denen verlieren, bei denen Biden stark war, nämlich bei den weißen Männern (vor allem bei denen ohne Hochschulbildung) – und das sind eine ganze Menge. Wie gesagt, es gab ein paar gute Gründe warum Biden ein starker Kandidat war.
Mobilisieren wird Harris dagegen bei Frauen, gleich welcher Hautfarbe. Sie wird natürlich mobilisieren bei Schwarzen. Und Sie wird mobilisieren bei Jungen. Sie wird auch die wiedergewinnen, die Biden wegen seiner Israel-Politik zuletzt verloren hatte. Alter hin oder her, für Biden war es ein Riesenproblem, das er die liberalen Jungen an den Hochschulen und die Moslems verloren hatte, für die der Völkermord in Gaza ein wichtiges Thema ist. Hier hat Harris eine andere Haltung als Biden und damit die Chance, diese Leute zurückzugewinnen.
Ob sich das alles ausgleicht, oder in welche Richtung das jetzt schwappt, ist schwer abzuschätzen. Aber ich glaube, dass die nächsten 2-3 Wochen extrem wichtig sind, weil sich jetzt das Bild der Kandidatin formt. Die Demokraten scheinen darauf erstaunlicherweise viel besser vorbereitet zu sein als die Republikaner.
Im Augenblick liegt Trump in den meisten (landesweiten) Umfragen ein bisschen vorne, mal 2, mal 3, gelegentlich 5%. Wirklich aussagekräftig ist das wohl erst in ca. 2 Wochen, wenn sich da die Zahlen etwas verfestigen. Nach Lage der Dinge muss man tatsächlich davon ausgehen, dass derzeit Trump und die Republikaner vorne liegen, aber das ist immer noch in Schlagdistanz.
Ich bin auch sicher, dass Harris noch zwei Boosts bekommt. Einer, falls und wenn Taylor Swift sich für sie ausspricht. So albern das klingen mag, aber da geht man tatsächlich davon aus, dass das nochmal ca. 2% bringt. Den zweiten Boost wird ihre VP-Wahl bringen. Es ist vollkommen absehbar, dass sie einen weißen, straighten Typen nehmen wird. Schade eigentlich, Pete Buttigieg wäre großes Kino, aber schwarze Frau und weißer Schwuler, das haut wohl noch nicht hin. Die Kandidaten, die da gehandelt werden sind Roy Cooper aus North Carolina, Josh Shapiro aus Pennslyvania, Mark Kelly aus Arizona oder Andy Beshear aus Kentucky. Einer von denen wird’s wohl werden, und ich glaube, das wäre auch jeweils eine gute Wahl, die dem Ticket so 2-3% zusätzlich bringen würde (anders als Vance übrigens für das Trump-Ticket).
Bricht man das mal auf die Bundesstaaten runter, dann ist wohl klar, dass Harris 222 der 538 Electoral Votes sicher hat, Trump dürfte 223 Electoral Votes sicher haben. Das heißt es geht am Ende um diese Staaten:
New Hampshire, 4 EVs – sollte an Harris gehen, wenn man die Ergebnisse der letzten 30 Jahre zugrunde legt.
Nevada: 6 EVs – auf Basis der letzten Wahlen eigentlich ein blauer Staat, aber seit einem Jahr liegt Trump deutlich vorn.
Wisconsin: 10 EVs – Münzwurf. Vielleicht kleiner Vorteil für Trump, weil Parteitag der Republikaner da war und hoher Anteil weißer Bevölkerung.
Michigan: 15 EVs – Trump hat hier 2016 gewonnen, 2020 verloren, jeweils knapp. Wie Wisconsin viele weiße Blue Collar Leute, also Trumps Kernwähler. Aber auch viele Moslems, die seit gestern eher zu Harris tendieren dürften. Schwer zu prognostizieren, tendenziell Münzwurf.
Pennsylvania: 19 EVs – So ähnlich wie Michigan. Wenn Shapiro der VP wird, dürfte Harris die Nase vorn haben.
Arizona: 11 EVs – Biden hat haarscharf gewonnen, aber strukturell wahrscheinlich kleiner Vorteil Trump. Wenn Kelly der VP wird, geht der Staat aber vermutlich an Harris.
North Carolina: 16 EVs – Müsste knapp an Trump gehen, es sei denn Roy Cooper wird der VP.
Georgia: 16 EVs – Biden hat haarscharf gewonnen in 2020, strukturell aber die Republikaner etwas vorne. Das könnte sich mit Harris aber ändern, weil Georgia eine starke schwarze Bevölkerung hat. Wird spannend die ersten Zahlen zu sehen und zu beobachten, wie stark die Demokraten mobilisieren können.
Unter dem Strich: prinzipiell ist oft die Rede von der Northern Route mit Michigan, Wisconsin und Pennsylvania und der Southern Route mit North Carolina, Georgia, Arizona und Nevada. Biden wäre für die etwas leichtere Northern Route der bessere Kandidat gewesen, zumindest ein fitter Biden. Vielleicht ist Harris die bessere Kandidatin für die Southern Route die aber generell viel schwieriger ist, weil Arizona und Georgia wohl immer noch tendenziell rot sind.
Ich schätze, Trump hat einen Vorteil derzeit. Wie groß der genau ist, ist schwer zu sagen. Harris ist keine sehr gute Kandidatin, aber sie hat Potential. Nachdem schon klar war, dass sie Kandidatin wird, lag die Quote eine Zeit lang bei 3. Für 3 hätte ich es auch empfohlen. Aber die 2,4, die es gegenwärtig sind, spiegeln vielleicht das wieder, was gegenwärtig die Chancen sind. Ich spiele derzeit nichts (weiter), aber vermutlich ergeben sich noch Chancen auf Ebene der Bundesstaaten.
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12 Einheiten offen:
Zwischenstand: -5 Einheiten
Verloren
- 3 Einheiten auf Joe Biden gewinnt die Präsidentschaft, Quote 3,1, gesetzt bei 22Bet am 09.01.24
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Noch offen:
4 Einheiten auf Gewinnende Partei Demokraten, Quote 2,75 bei 22Bet, gesetzt am 18.07.24
7 Einheiten auf Demokraten Gewinner der Volksabstimmung, Quote 1,8 bei 22Bet, gesetzt am 18.7.24
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