Sie war Besorgnis erregend, diese fürchterliche Geistlosigkeit der Wiener
Fan-Szene beim großen Derby. Seitens der Rapid-Anhänger wurde per Spruchband
eine Todesdrohung an Joey Didulica adressiert. Das ist nicht humorvoll, auch
nicht subtil, das ist ziemlich plump und dumm. Ebenso wie eine gehängte
Didulica-Puppe. Man würde sich die Fan-Kultur etwas witziger, etwas
anspruchsvoller wünschen. Stattdessen fordern die Fans "Tod und Hass" für
den Gegner. So hatte das Derby-Vorspiel für den neutralen oder gemäßigten
Beobachter bestenfalls den Charme einer Universum-Folge über fremde
Lebensformen in ihrem natürlichen Umfeld. Gepaart mit dem Echtzeit-Charakter
einer stupiden Reality-Show.
Nun brüstet sich die Polizei mit der Verhinderung eines geplanten
Platzsturms. Die Fans wollten angeblich Didulica erwischen. Wer's glaubt...
Wahrscheinlicher sind da schon die bellenden Hunde, die kaum beißen, aber am
Sonntag nach der Wien-Wahl bei Mutti leckere Marillen-Knödel essen. Didulica
hat es wohl ähnlich gesehen, er blieb ob des Rundherums eher gelassen.
Lawaree fand es ein wenig exzessiv, wohl auch weil die Rapid-Fans ihn am
vorverlegten Silvester-Abend per exakt abgefeuerter Leuchtrakete am
Mittelkreis trafen. Das hatte dann - aber nur weil der Belgier dabei nicht
verletzt wurde - doch noch Komik, wenn auch unfreiwillig. Die Austria-Fans
forderten nach diesem Volltreffer jedenfalls eine Zugabe.
Die Violetten singen aber noch ganz andere Sachen, man solle zum Beispiel
einem Grünen das Genick brechen, wenn er schon mal am Boden liege. Das
entspricht eher nicht den Grundsätzen des Humanismus. Anschließend wird es
aus vollen Kehlen skandiert: "Wir wollen keine Grünen Parasiten, Violett ist
die Heimat, raus mit diesem Pack." Parasiten - Heimat - Pack. Spätestens
jetzt wähnt man sich auf einer rechtsradikalen Veranstaltung. Der Eindruck
wird nicht gerade besser wenn ein achtloses "Vorstadtzigeuner" in Richtung
der Rapid-Spieler geschleudert wird. Manchen grünen Fans wiederum ist nicht
einmal der Hitler-Gruß bei Derbys Tabu. Man hält das wohl für eine besonders
intelligente Provokation angesichts der jüdischen Vergangenheit der Austria.
Ironie am Spielfeldrand: das Bundesliga-Wochenende stand im Motto von
"FairPlay. Viele Farben. Ein Spiel". Den Vereinen steht noch eine Menge
Arbeit bevor, die Angst sich mit den eigenen Kunden anzulegen dominiert noch
immer, Kritik wird nur zaghaft geäußert.
Wer sich das Wiener Derby ein weiteres Mal antun will, sei gewarnt: es
könnte sich in Zukunft ähnlich abspielen. Den Grundstein hat Axel Lawaree
schon gelegt, er meinte nach dem Match: "Solange Didulica bei Austria
spielt, wird das nicht vergessen." Ein echter Sportsmann eben.
(Philip Bauer, derstandard.at)