5. Was war das Ergebnis?
Trump hat gewonnen und er hat auch deutlich gewonnen, da gibt es wenig dran zu deuteln. Allerdings ist das Ergebnis nicht ganz so dramatisch, wie es sich vor einem Monat noch dargestellt und angefühlt hat:
Trump hat die Popular Vote mit 49,9 zu 48,3 gewonnen. Zum Vergleich, 2016 lag das Ergebnis bei 48,2 zu 46,1 zugunsten von Clinton, 2020 bei 51,3 zu 46,9 zugunsten von Biden.
Trump hat alle sieben Swing States gewonnen, dabei die nördlichen Staaten und Georgia mit einem Abstand von ca. 2 Prozentpunkten oder weniger (Arizona, Nevada, North Carolina ca. 3 Prozentpunkte). Gewonnen ist gewonnen, aber das ist immer noch in Schlagdistanz.
Trump hat 312 Electoral Votes, das sind 6 mehr als Biden 2020. Das ist ein deutlicher Sieg, aber kein Erdrutsch (zum Vergleich, Obama hatte 2008 365EVs, 2012 hatte er 332 EVs.)
Die Demokraten haben im Senat vier Sitze verloren, allerdings drei davon in tiefroten Staaten. In Pennsylvania zu verlieren (mit 0,2% Rückstand) ist allerdings sehr bitter.
Im Repräsentantenhaus haben die Demokraten ihr Ergebnis um einen Sitz (von 435) verbessert.
Unter dem Strich: es gab eine rote Welle, aber keinen Tsunami.
6. Und warum hat Trump jetzt gewonnen?
Trump hat zwar in jedem Swing State Stimmen dazugewonnen, in absoluten Zahlen aber tatsächlich nicht wahnsinnig viel. Und in der Summe der Stimmen hat er nationwide die Zahl der Stimmen von 74 Millionen in 2020 auf jetzt gut 77 Millionen ausgeweitet – das entspricht in etwa dem Bevölkerungswachstum, das Statista mit 0,6% pro Jahr angibt. Interessanterweise entfällt ein großer Teil der zusätzlichen 3 Millionen Stimmen allein auf Texas und Florida, also Staaten mit hohem Latino-Anteil.
Auch wenn das besserwisserisch klingt, ich sehe mich in meiner Meinung bestätigt, dass Trump im Grunde ein schwacher Kandidat ist. Er hat es eben nicht geschafft, Wähler in signifikantem Ausmaß dazuzugewinnen.
Das Problem liegt woanders: Harris hat ca. 74,7 Millionen Stimmen geholt, Biden hatte 81 Millionen, sie hat also gut 6 Millionen Stimmen weniger, und da ist das Bevölkerungswachstum noch gar nicht eingerechnet.
Anders ausgedrückt: Trump hat nicht gewonnen, Harris hat verloren.
Auffällig sind zudem zwei andere Dinge: Harris hat Biden in den Swing-States um ca. 1,5% underperformed, in den Staaten, in denen im Grunde kein Wahlkampf geführt wurde, war der Abstand wesentlich größer, ca. 3,5%. Zweitens: die Senatskandidaten haben Harris in der Regel outperformed. In den entscheidenden Swing States, in denen Harris die Wahl verloren hat, haben jeweils die Demokratischen Senatskandidaten gewonnen, wenn auch zum Teil deutlich knapper als prognostiziert (Wisconsin, Michigan, Nevada, Arizona, Penn wurde mit 0,2% verloren Harris hatte 1,8% weniger). Es gibt auch Daten dazu, dass das sogenannte Ticket-Splitting deutlich zugenommen hat (Wahl eines Präsidentschaftskandidaten, zugleich Wahl des Senatskandidaten der anderen Partei), oder dass Leute nur den Präsidentschaftskandidaten gewählt haben, in diesen Fall halt Trump, und den Rest des Wahlscheins leer gelassen haben.
Die Frage ist also, warum die Kandidatin Harris so relativ schlecht abgeschnitten hat, obwohl sie gegen einen schlagbaren Kandidaten angetreten ist. Dazu gibt es inzwischen ja jede Meinungen und Analysen und ich habe da keine eigenen Theorien, sondern fasse im Grunde nur zusammen, was eh überall steht.
Ich glaube, es gibt eine Reihe spezifischer Harris-Probleme und eine Reihe struktureller Probleme, mit denen die Demokraten sich generell beschäftigen müssen.
Harris-spezifisch:
Ganz offensichtlich ist das eine Wahl gewesen, in der es darum ging, die bestehende Regierung abzustrafen, so wie das rund um den Globus gerade der Trend zu sein scheint. Und Harris ist es nicht ausreichend gelungen, sich von Biden abzusetzen. Sie ist da eben zu sehr mit seiner Politik assoziiert worden. Und wenn man den einen großen Fehler finden wollte, dann war das die Antwort „da fällt mir jetzt nichts ein“ als sie gefragt wurde, was sie denn anders gemacht hätte als Biden – ganz sicher ein falsches Verständnis von Loyalität. Ich glaube, es wäre relativ einfach gewesen, da einerseits loyal zu bleiben, andererseits klarzumachen, dass man z.B. in Fragen der Grenzsicherung Fehler sieht und das anders gemacht hätte. Ganz generell scheinen die Leute auch nicht wirklich zu verstehen, welche Rolle ein Vize hat: nämlich keine, die die Politik bestimmt. Vize ist der Ersatz, nicht der Co- Regierende.
Zweitens, es ist den Demokraten letztlich nicht gelungen, Harris in der kurzen Zeit ein erkennbares, positives Profil zu geben. Bei Trump weiß man sofort für was er steht: Grenze, Wirtschaft, Amerika zuerst, Anti-Establishment. So hohl das alles inhaltlich ist, die Leute wissen woran sie sind. Harris hat offenbar zu sehr einen Anti-Trump-Wahlkampf gemacht ohne ausreichend vermitteln zu können, wie denn ihre Vision von Amerika aussieht.
Drittens, Harris hat meiner Meinung nach im Wahlkampf ganz erheblich an Profil gewonnen und zum wiederholten male, ich finde sie hat sich erstaunlich gut geschlagen. Aber es gab ja nunmal einen Grund, dass sie bei ihrer eigenen Bewerbung 2020 chancenlos ausgeschieden ist und warum sie als VP niemals wirklich positive Beliebtheitswerte hatte. Das heißt, dass Harris als Person einem gewissen Teil der Wähler nicht gut genug zu vermitteln war (auch wenn z.B. ihre persönlichen Sympathiewerte weit vor Trump lagen).
Schließlich: Reden wir nicht drumrum, die USA haben schon einmal eine Frau nicht gewählt. Vielleicht sind die Amis einfach nicht so weit. Und eine schwarze Frau noch dazu! Frau geht vielleicht, schwarz geht vielleicht (immerhin hat Obama gewonnen), aber schwarze Frau, das geht anscheinend zu weit. Das gilt natürlich nicht für die große Mehrheit, aber es reicht ja, wenn 10% sagen oder auch nur 5% sagen, sie können sich eine schwarze Frau nicht als Präsidentin im Weißen Haus vorstellen.
Dieser Thread hat mal mit der Feststellung angefangen, dass Biden als Kandidat besser ist als sein Ruf. Und im Grunde hat sich genau das bewahrheitet. Biden in 2020 hatte den Vorteil, dass er für so viele unterschiedliche Wählergruppen ein akzeptabler Kandidat war. Er hat laut den Exit Polls auch wesentlich größere Anteile von Republikanern bzw. Konservativen gewonnen, als das Harris gelungen ist. Biden in 2024? Im Nachhinein fraglich, weil ich seine körperliche und geistige Fitness falsch eingeschätzt habe, wie ich eingestehen muss, zumindest was die Außenwirkung angeht.
Zu den generellen Problemen:
Bei den Midterms 2022 gab es für die Demokraten zwei Gewinnerthemen: Abtreibung und die fehlende Politikfähigkeit der Republikaner. Das sehr klare Signal, das die Wähler damals gesendet haben, war, dass sie keinen Bock mehr auf den Zirkus der Republikaner haben und Millionen von Frauen haben sich mobilisieren lassen, um für ihre Selbstbestimmung zu votieren. Das war in diesem Jahr offenbar nicht mehr das entscheidende Thema. Ich kann nicht sagen, warum das so war. Was sicher eine Rolle spielt, ist dass Social Media in der politischen Kommunikation eine immer wichtigere Rolle einnehmen. Dass die Republikaner X Versuche gebraucht haben, um im Kongress einen Vorsitzenden zu wählen, und den dann von einer Minigruppe wieder haben absägen lassen, haben vermutlich nicht sehr viele Leute mitbekommen, wenn die nur bestimmte Quellen nutzen.
Identity Politics: Dass ganze demographische Gruppen relativ geschlossen für eine Partei gestimmt haben, war lange Zeit eine Art sicheres Ding. Das bricht aber gerade massiv auf. Dass sich die Demokraten auf die Stimmen der Schwarzen und die Stimmen der Latinos verlassen konnten, scheint zumindest keine Gewissheit mehr zu sein, Harris hatte hier massive Verluste. Wichtiger als die (im Zwiefel ethnisch oder religiös begründete) Identität scheint zunehmend der soziale Status zu sein / zu werden. In der Tendenz gilt: je höher der Bildungsgrad und das Einkommen, desto stärker die Neigung zu den Demokraten und umgekehrt, je schlechter ausgebildet und je geringer das Einkommen, desto eher haben die Leute für Trump gestimmt.
Damit eng zusammenhängend werden die Demokraten offenbar von einem wesentlichen Teil der Wählerschaft als Repräsentanten einer abgehobenen Elite gesehen, die man gerne loswerden will. Dahinter steckt offenbar eine etwas abstrakte generelle destruktive Wut auf das gesamte System. Aus Sicht vieler Wähler sind die Verhältnisse zunehmend ungeordnet, unüberschaubar, ungerecht – und Schuld sind die alten Eliten. Schmeißt die Penner raus! Das hätte genauso einen konventionellen Republikaner treffen können. Und selbst wenn noch so sichtbar ist, dass Trump ordentlich einen an der Backe hat, steht er zumindest für den Bruch mit dem alten System, das als nicht mehr funktional gesehen wird.
Was ist da dran? Natürlich ist da ganz viel extrem stupides verschwörungstheoretisches Geschwurbel dabei. Und natürlich hat Trump da teilweise einfach irgendwelche Phantasie-Narrative aufgebaut. Ich habe hier mehrfach geäußert, dass ich vor die Wahl gestellt, die Demokraten gegenüber Trump natürlich jederzeit vorziehen würde – dass ich die Demokraten aber im Kern verachte. Denn man muss ja schon fragen, ob die Demokraten denn geliefert haben? Und da muss man sagen: ziemlich begrenzt.
Biden hat einerseits in seiner Amtszeit ganz viele Projekte angestoßen, von denen Trump profitieren wird, er hat massiv Arbeitsplätze im industriellen Sektor geschaffen, die Wirtschaft läuft im Grunde auf Hochtouren. Aber es bleibt trotzdem dabei, dass die USA für eine entwickelte Industrienation eine hanebüchen niedrige Lebenserwartung haben, dass da eine absurde Schere in den Einkommens- und Vermögensverhältnissen herrscht, dass ganze Landstriche ein massives Drogenproblem haben (an dem die Mexikaner übrigens im Kern nicht schuld sind, sondern die Perspektivlosigkeit der Leute), dass es riesige Unterschiede im Bildungsniveau gibt, dass der amerikanische Traum, sich mit harter Arbeit etwas aufbauen zu können zunehmend unrealistisch wird.
Biden hat (von mehreren Journalisten bestätigt) im Wahlkampf 2020 mal bei einem Fundraising-Event vor reichen Spendern gesagt, die sollten ihn unterstützen, weil die Demokraten wenigstens dafür sorgen würden, dass die Verhältnisse so unter Kontrolle bleiben würden, dass keine Revolution ausbricht. Na, das ist ja mal ein ambitioniertes Ziel!
Wie sieht es eigentlich aus in den Bundesstaaten, die von Demokraten regiert werden, in Kalifornien, New Jersey, Washington, Oregon? Man kann schon sagen, dass es da für die Leute besser läuft. Aber Obdachlosigkeit, massive Ungleichheit, unbezahlbares Wohnen usw. ist auch da ein Problem – an dessen Lösung die Demokraten nicht wirklich arbeiten.
Natürlich ist die Lösung dafür nicht, Trump zu wählen, der im Kern nur an seiner persönlichen Bereicherung und an Wohltaten für seine Milliardärskumpels interessiert ist. Aber wenn die Demokraten eben nicht liefern, dann lässt sich eine irgendwie unspezifische, destruktive Weltwut auf alles Etablierte bei vielen Leuten auch irgendwo nachvollziehen.
Dazu kommt, dass die Republikaner insofern einen sehr effektiven Wahlkampf geführt haben, als sie Harris als pinko-kommunistische-woke-Kandidatin gezeichnet haben. Die haben allein 65 Millionen in einen Spot investiert, in dem verbreitet wird, dass Harris dafür verantwortlich sei, dass Geschlechtsumwandlungen von Transmenschen auch bei Gefängnisinsassen durchgeführt werden. Die Wahrheit ist, das entsprechende Gesetz gab es auch zu Trump-Zeiten und es gab zu Zeiten von Bidens Präsidentschaft genau zwei solcher Operationen. Das Problem ist angesichts der wirklichen Probleme dieses Landes wirklich zu vernachlässigen. Aber wenn sich da ein Eindruck festsetzt, dann hat das am Ende auch einen Effekt. Und Harris hat in diesem Punkt im Fox-News-Verhör auch nicht gut reagiert. Sie sagte, dass geltendes Recht angewandt wurde, welches auch schon unter Trump bestand. Warum sagt sie an der Stelle dann nicht auch noch, dass sie selbst dieses Gesetz aber für unsinnig hält? Und anscheinend ist Harris deshalb nicht zu Joe Rogan gegangen (Trumps Auftritt hatte 50 Millionen Aufrufe!), weil das Team befürchtet hat, den progressiven Flügel der Demokraten zu verärgern. Wenn das stimmt, dann hat das blaue Team da einen Pfad gewählt, auf dem landesweite Wahlen nur schwer zu gewinnen sind, selbst gegen eine Luftnummer wie Trump.
Die Demokraten werden da in Zukunft einen Kurs finden müssen. Der Richtungsstreit scheint im Augenblick auf zwei Optionen hinauszulaufen. Entweder man rückt näher an das heran, was die Amis als Mitte bezeichnen. Oder man versucht wieder stärker die Vertretung der einfachen Arbeiter zu werden, so wie das seit FDRs Zeiten der Fall war. Wird und ist eine interessante Auseinandersetzung.
Und nicht nur damit ich mir den Vorwurf erspare, ich würde zu einseitig sein: ja, auch die Trump-Kampagne hat ein paar Sachen offensichtlich sehr gut gemacht. Dazu zählt für mich in erster Linie der Social-Media-Einsatz, da waren sie deutlich besser als die Demokraten. Welche Rolle Musk insgesamt gespielt hat, ist schwer abzuschätzen, aber dass er Twitter als eindeutig ausgerichtete Propagandaplattform genutzt hat mit einer unfassbar hohen Zahl an aufgerufenen Posts voller Desinformation, dürfte Trump sicher geholfen haben. Auch die Auftritte bei Podcasts hat das Trump-Team viel besser in der Hand gehabt als die Demokraten. Und schließlich, die sind genau an die Orte gegangen, wo sie ihre Wählerschichten hatten, sie haben auf Rodeos, bei Nascar-Rennen usw. Wählerregistrierungen organisiert, das war sicher gut, ich habe die Qualität von Trumps Team ja auch mehrfach hervorgehoben.
Trump hat gewonnen und er hat auch deutlich gewonnen, da gibt es wenig dran zu deuteln. Allerdings ist das Ergebnis nicht ganz so dramatisch, wie es sich vor einem Monat noch dargestellt und angefühlt hat:
Trump hat die Popular Vote mit 49,9 zu 48,3 gewonnen. Zum Vergleich, 2016 lag das Ergebnis bei 48,2 zu 46,1 zugunsten von Clinton, 2020 bei 51,3 zu 46,9 zugunsten von Biden.
Trump hat alle sieben Swing States gewonnen, dabei die nördlichen Staaten und Georgia mit einem Abstand von ca. 2 Prozentpunkten oder weniger (Arizona, Nevada, North Carolina ca. 3 Prozentpunkte). Gewonnen ist gewonnen, aber das ist immer noch in Schlagdistanz.
Trump hat 312 Electoral Votes, das sind 6 mehr als Biden 2020. Das ist ein deutlicher Sieg, aber kein Erdrutsch (zum Vergleich, Obama hatte 2008 365EVs, 2012 hatte er 332 EVs.)
Die Demokraten haben im Senat vier Sitze verloren, allerdings drei davon in tiefroten Staaten. In Pennsylvania zu verlieren (mit 0,2% Rückstand) ist allerdings sehr bitter.
Im Repräsentantenhaus haben die Demokraten ihr Ergebnis um einen Sitz (von 435) verbessert.
Unter dem Strich: es gab eine rote Welle, aber keinen Tsunami.
6. Und warum hat Trump jetzt gewonnen?
Trump hat zwar in jedem Swing State Stimmen dazugewonnen, in absoluten Zahlen aber tatsächlich nicht wahnsinnig viel. Und in der Summe der Stimmen hat er nationwide die Zahl der Stimmen von 74 Millionen in 2020 auf jetzt gut 77 Millionen ausgeweitet – das entspricht in etwa dem Bevölkerungswachstum, das Statista mit 0,6% pro Jahr angibt. Interessanterweise entfällt ein großer Teil der zusätzlichen 3 Millionen Stimmen allein auf Texas und Florida, also Staaten mit hohem Latino-Anteil.
Auch wenn das besserwisserisch klingt, ich sehe mich in meiner Meinung bestätigt, dass Trump im Grunde ein schwacher Kandidat ist. Er hat es eben nicht geschafft, Wähler in signifikantem Ausmaß dazuzugewinnen.
Das Problem liegt woanders: Harris hat ca. 74,7 Millionen Stimmen geholt, Biden hatte 81 Millionen, sie hat also gut 6 Millionen Stimmen weniger, und da ist das Bevölkerungswachstum noch gar nicht eingerechnet.
Anders ausgedrückt: Trump hat nicht gewonnen, Harris hat verloren.
Auffällig sind zudem zwei andere Dinge: Harris hat Biden in den Swing-States um ca. 1,5% underperformed, in den Staaten, in denen im Grunde kein Wahlkampf geführt wurde, war der Abstand wesentlich größer, ca. 3,5%. Zweitens: die Senatskandidaten haben Harris in der Regel outperformed. In den entscheidenden Swing States, in denen Harris die Wahl verloren hat, haben jeweils die Demokratischen Senatskandidaten gewonnen, wenn auch zum Teil deutlich knapper als prognostiziert (Wisconsin, Michigan, Nevada, Arizona, Penn wurde mit 0,2% verloren Harris hatte 1,8% weniger). Es gibt auch Daten dazu, dass das sogenannte Ticket-Splitting deutlich zugenommen hat (Wahl eines Präsidentschaftskandidaten, zugleich Wahl des Senatskandidaten der anderen Partei), oder dass Leute nur den Präsidentschaftskandidaten gewählt haben, in diesen Fall halt Trump, und den Rest des Wahlscheins leer gelassen haben.
Die Frage ist also, warum die Kandidatin Harris so relativ schlecht abgeschnitten hat, obwohl sie gegen einen schlagbaren Kandidaten angetreten ist. Dazu gibt es inzwischen ja jede Meinungen und Analysen und ich habe da keine eigenen Theorien, sondern fasse im Grunde nur zusammen, was eh überall steht.
Ich glaube, es gibt eine Reihe spezifischer Harris-Probleme und eine Reihe struktureller Probleme, mit denen die Demokraten sich generell beschäftigen müssen.
Harris-spezifisch:
Ganz offensichtlich ist das eine Wahl gewesen, in der es darum ging, die bestehende Regierung abzustrafen, so wie das rund um den Globus gerade der Trend zu sein scheint. Und Harris ist es nicht ausreichend gelungen, sich von Biden abzusetzen. Sie ist da eben zu sehr mit seiner Politik assoziiert worden. Und wenn man den einen großen Fehler finden wollte, dann war das die Antwort „da fällt mir jetzt nichts ein“ als sie gefragt wurde, was sie denn anders gemacht hätte als Biden – ganz sicher ein falsches Verständnis von Loyalität. Ich glaube, es wäre relativ einfach gewesen, da einerseits loyal zu bleiben, andererseits klarzumachen, dass man z.B. in Fragen der Grenzsicherung Fehler sieht und das anders gemacht hätte. Ganz generell scheinen die Leute auch nicht wirklich zu verstehen, welche Rolle ein Vize hat: nämlich keine, die die Politik bestimmt. Vize ist der Ersatz, nicht der Co- Regierende.
Zweitens, es ist den Demokraten letztlich nicht gelungen, Harris in der kurzen Zeit ein erkennbares, positives Profil zu geben. Bei Trump weiß man sofort für was er steht: Grenze, Wirtschaft, Amerika zuerst, Anti-Establishment. So hohl das alles inhaltlich ist, die Leute wissen woran sie sind. Harris hat offenbar zu sehr einen Anti-Trump-Wahlkampf gemacht ohne ausreichend vermitteln zu können, wie denn ihre Vision von Amerika aussieht.
Drittens, Harris hat meiner Meinung nach im Wahlkampf ganz erheblich an Profil gewonnen und zum wiederholten male, ich finde sie hat sich erstaunlich gut geschlagen. Aber es gab ja nunmal einen Grund, dass sie bei ihrer eigenen Bewerbung 2020 chancenlos ausgeschieden ist und warum sie als VP niemals wirklich positive Beliebtheitswerte hatte. Das heißt, dass Harris als Person einem gewissen Teil der Wähler nicht gut genug zu vermitteln war (auch wenn z.B. ihre persönlichen Sympathiewerte weit vor Trump lagen).
Schließlich: Reden wir nicht drumrum, die USA haben schon einmal eine Frau nicht gewählt. Vielleicht sind die Amis einfach nicht so weit. Und eine schwarze Frau noch dazu! Frau geht vielleicht, schwarz geht vielleicht (immerhin hat Obama gewonnen), aber schwarze Frau, das geht anscheinend zu weit. Das gilt natürlich nicht für die große Mehrheit, aber es reicht ja, wenn 10% sagen oder auch nur 5% sagen, sie können sich eine schwarze Frau nicht als Präsidentin im Weißen Haus vorstellen.
Dieser Thread hat mal mit der Feststellung angefangen, dass Biden als Kandidat besser ist als sein Ruf. Und im Grunde hat sich genau das bewahrheitet. Biden in 2020 hatte den Vorteil, dass er für so viele unterschiedliche Wählergruppen ein akzeptabler Kandidat war. Er hat laut den Exit Polls auch wesentlich größere Anteile von Republikanern bzw. Konservativen gewonnen, als das Harris gelungen ist. Biden in 2024? Im Nachhinein fraglich, weil ich seine körperliche und geistige Fitness falsch eingeschätzt habe, wie ich eingestehen muss, zumindest was die Außenwirkung angeht.
Zu den generellen Problemen:
Bei den Midterms 2022 gab es für die Demokraten zwei Gewinnerthemen: Abtreibung und die fehlende Politikfähigkeit der Republikaner. Das sehr klare Signal, das die Wähler damals gesendet haben, war, dass sie keinen Bock mehr auf den Zirkus der Republikaner haben und Millionen von Frauen haben sich mobilisieren lassen, um für ihre Selbstbestimmung zu votieren. Das war in diesem Jahr offenbar nicht mehr das entscheidende Thema. Ich kann nicht sagen, warum das so war. Was sicher eine Rolle spielt, ist dass Social Media in der politischen Kommunikation eine immer wichtigere Rolle einnehmen. Dass die Republikaner X Versuche gebraucht haben, um im Kongress einen Vorsitzenden zu wählen, und den dann von einer Minigruppe wieder haben absägen lassen, haben vermutlich nicht sehr viele Leute mitbekommen, wenn die nur bestimmte Quellen nutzen.
Identity Politics: Dass ganze demographische Gruppen relativ geschlossen für eine Partei gestimmt haben, war lange Zeit eine Art sicheres Ding. Das bricht aber gerade massiv auf. Dass sich die Demokraten auf die Stimmen der Schwarzen und die Stimmen der Latinos verlassen konnten, scheint zumindest keine Gewissheit mehr zu sein, Harris hatte hier massive Verluste. Wichtiger als die (im Zwiefel ethnisch oder religiös begründete) Identität scheint zunehmend der soziale Status zu sein / zu werden. In der Tendenz gilt: je höher der Bildungsgrad und das Einkommen, desto stärker die Neigung zu den Demokraten und umgekehrt, je schlechter ausgebildet und je geringer das Einkommen, desto eher haben die Leute für Trump gestimmt.
Damit eng zusammenhängend werden die Demokraten offenbar von einem wesentlichen Teil der Wählerschaft als Repräsentanten einer abgehobenen Elite gesehen, die man gerne loswerden will. Dahinter steckt offenbar eine etwas abstrakte generelle destruktive Wut auf das gesamte System. Aus Sicht vieler Wähler sind die Verhältnisse zunehmend ungeordnet, unüberschaubar, ungerecht – und Schuld sind die alten Eliten. Schmeißt die Penner raus! Das hätte genauso einen konventionellen Republikaner treffen können. Und selbst wenn noch so sichtbar ist, dass Trump ordentlich einen an der Backe hat, steht er zumindest für den Bruch mit dem alten System, das als nicht mehr funktional gesehen wird.
Was ist da dran? Natürlich ist da ganz viel extrem stupides verschwörungstheoretisches Geschwurbel dabei. Und natürlich hat Trump da teilweise einfach irgendwelche Phantasie-Narrative aufgebaut. Ich habe hier mehrfach geäußert, dass ich vor die Wahl gestellt, die Demokraten gegenüber Trump natürlich jederzeit vorziehen würde – dass ich die Demokraten aber im Kern verachte. Denn man muss ja schon fragen, ob die Demokraten denn geliefert haben? Und da muss man sagen: ziemlich begrenzt.
Biden hat einerseits in seiner Amtszeit ganz viele Projekte angestoßen, von denen Trump profitieren wird, er hat massiv Arbeitsplätze im industriellen Sektor geschaffen, die Wirtschaft läuft im Grunde auf Hochtouren. Aber es bleibt trotzdem dabei, dass die USA für eine entwickelte Industrienation eine hanebüchen niedrige Lebenserwartung haben, dass da eine absurde Schere in den Einkommens- und Vermögensverhältnissen herrscht, dass ganze Landstriche ein massives Drogenproblem haben (an dem die Mexikaner übrigens im Kern nicht schuld sind, sondern die Perspektivlosigkeit der Leute), dass es riesige Unterschiede im Bildungsniveau gibt, dass der amerikanische Traum, sich mit harter Arbeit etwas aufbauen zu können zunehmend unrealistisch wird.
Biden hat (von mehreren Journalisten bestätigt) im Wahlkampf 2020 mal bei einem Fundraising-Event vor reichen Spendern gesagt, die sollten ihn unterstützen, weil die Demokraten wenigstens dafür sorgen würden, dass die Verhältnisse so unter Kontrolle bleiben würden, dass keine Revolution ausbricht. Na, das ist ja mal ein ambitioniertes Ziel!
Wie sieht es eigentlich aus in den Bundesstaaten, die von Demokraten regiert werden, in Kalifornien, New Jersey, Washington, Oregon? Man kann schon sagen, dass es da für die Leute besser läuft. Aber Obdachlosigkeit, massive Ungleichheit, unbezahlbares Wohnen usw. ist auch da ein Problem – an dessen Lösung die Demokraten nicht wirklich arbeiten.
Natürlich ist die Lösung dafür nicht, Trump zu wählen, der im Kern nur an seiner persönlichen Bereicherung und an Wohltaten für seine Milliardärskumpels interessiert ist. Aber wenn die Demokraten eben nicht liefern, dann lässt sich eine irgendwie unspezifische, destruktive Weltwut auf alles Etablierte bei vielen Leuten auch irgendwo nachvollziehen.
Dazu kommt, dass die Republikaner insofern einen sehr effektiven Wahlkampf geführt haben, als sie Harris als pinko-kommunistische-woke-Kandidatin gezeichnet haben. Die haben allein 65 Millionen in einen Spot investiert, in dem verbreitet wird, dass Harris dafür verantwortlich sei, dass Geschlechtsumwandlungen von Transmenschen auch bei Gefängnisinsassen durchgeführt werden. Die Wahrheit ist, das entsprechende Gesetz gab es auch zu Trump-Zeiten und es gab zu Zeiten von Bidens Präsidentschaft genau zwei solcher Operationen. Das Problem ist angesichts der wirklichen Probleme dieses Landes wirklich zu vernachlässigen. Aber wenn sich da ein Eindruck festsetzt, dann hat das am Ende auch einen Effekt. Und Harris hat in diesem Punkt im Fox-News-Verhör auch nicht gut reagiert. Sie sagte, dass geltendes Recht angewandt wurde, welches auch schon unter Trump bestand. Warum sagt sie an der Stelle dann nicht auch noch, dass sie selbst dieses Gesetz aber für unsinnig hält? Und anscheinend ist Harris deshalb nicht zu Joe Rogan gegangen (Trumps Auftritt hatte 50 Millionen Aufrufe!), weil das Team befürchtet hat, den progressiven Flügel der Demokraten zu verärgern. Wenn das stimmt, dann hat das blaue Team da einen Pfad gewählt, auf dem landesweite Wahlen nur schwer zu gewinnen sind, selbst gegen eine Luftnummer wie Trump.
Die Demokraten werden da in Zukunft einen Kurs finden müssen. Der Richtungsstreit scheint im Augenblick auf zwei Optionen hinauszulaufen. Entweder man rückt näher an das heran, was die Amis als Mitte bezeichnen. Oder man versucht wieder stärker die Vertretung der einfachen Arbeiter zu werden, so wie das seit FDRs Zeiten der Fall war. Wird und ist eine interessante Auseinandersetzung.
Und nicht nur damit ich mir den Vorwurf erspare, ich würde zu einseitig sein: ja, auch die Trump-Kampagne hat ein paar Sachen offensichtlich sehr gut gemacht. Dazu zählt für mich in erster Linie der Social-Media-Einsatz, da waren sie deutlich besser als die Demokraten. Welche Rolle Musk insgesamt gespielt hat, ist schwer abzuschätzen, aber dass er Twitter als eindeutig ausgerichtete Propagandaplattform genutzt hat mit einer unfassbar hohen Zahl an aufgerufenen Posts voller Desinformation, dürfte Trump sicher geholfen haben. Auch die Auftritte bei Podcasts hat das Trump-Team viel besser in der Hand gehabt als die Demokraten. Und schließlich, die sind genau an die Orte gegangen, wo sie ihre Wählerschichten hatten, sie haben auf Rodeos, bei Nascar-Rennen usw. Wählerregistrierungen organisiert, das war sicher gut, ich habe die Qualität von Trumps Team ja auch mehrfach hervorgehoben.