Was Aktuelles aus der Süddeutschen heute:
Doping-Experte Werner Franke
"08/15-Doping, reine Routine"
SZ: Herr Professor Franke, nach dem Toursieger Landis ist auch 100-m-Weltrekordler Gatlin des Testosteron-Dopings überführt, obwohl dieses verbotene Mittel leicht nachzuweisen ist. Was sagt Ihnen diese Duplizität der Ereignisse?
Werner Franke: Zunächst muss man sagen, dass der Nachweis so einfach gar nicht ist. Testosteron wird vom Körper selbst produziert, es ist also natürlich vorhanden, und deshalb wurde ein Quotient des Testosterons zum Abbauprodukt Epitestosteron eingeführt. Der liegt in der Regel beim Verhältnis 1:1, manchmal auch bis 2:1. Inzwischen haben die Dopinglabors aber einen Wert von 4:1 festgelegt, doch wenn ich nun aus sicheren Schweizer Quellen höre, dass bei Landis der Quotient bei elf lag - dann ist das anomal hoch. Dieser Wert deutet auf externe Testosteron-Einnahme hin. Da sind physiologische Ausnahmen auszuschließen.
SZ: Deutet Gatlins vergleichbares Vergehen darauf hin, dass sich die Betrüger fälschlicherweise zu sicher fühlten?
Franke: Sie können davon ausgehen, dass die so genannten Mexican Beans derzeit im US-Sport das Haupt-Steroid-Dopingmittel sind, ein Riesenrenner. Sie sind sicher auch in der deutschen Leichtathletik populär, schließlich sind sie auch im Springstein-Prozess aufgetaucht, damals wurden ja bei einer Hausdurchsuchung diese Andriol-Pillen haufenweise gefunden. Das sind kapselartige Pillen, die kurzzeitig wirken und nur kurz nachweisbar sind. Sie werden nach dem Training genommen oder vor dem Schlafen, quasi als Nachtisch zum Abendbrot. Und nach dem Rennen ist es meistens schon verschwunden. Die Sportler haben sich wohl sicher gefühlt, weil es lange geklappt hat.
SZ: Was haben Sie nicht bedacht?
Franke: Alles im Leben ist manchmal Schwankungen unterworfen. Bei großer Hitze zum Beispiel . . .
SZ: . . . wie bei den Tour-de-France-Etappen in diesem Jahr . . .
Franke: . . . genau, da wird eben die Konzentration viel größer durch den hohen Flüssigkeitsverlust. Vielleicht fehlt einem Landis auch die rechte Betreuung im Wettkampf, und ein Mennonitensohn hat vielleicht nicht so viel Ahnung von Chemie. Der zieht sich halt morgens was rein, vielleicht auch eine Pille zu viel . . .
SZ: . . . und gewinnt am Tag nach einem Kollaps haushoch eine Etappe.
Franke: Diese Pillen verbessern nicht nur die Regeneration oder den Muskelaufbau - sie erzeugen auch geradezu einen Steroid-Wahn, manche Sportler sind dann wie geistig weggetreten. Die Pillen können Sie auch als Neurosteroid bezeichnen, weil das Testosteron auch direkt aufs Hirn wirkt und ein ungeheures Aggressionspotenzial freisetzt. Das kann auch ein Sprinter wie Gatlin gut gebrauchen, für solche Leute ist das 08/15-Doping, reine Routine. Dazu kommt während einer laufenden Saison noch Epo, damit er die Intervalle häufiger wiederholen kann, und Wachstumshormone und Insulin.
SZ: Die Fälle erinnern ein wenig an den Dopingfall von Ben Johnson 1992, als die Sportler auch dachten, sie hätten die anabole Analytik im Griff.
Franke: Ich gehe jedenfalls bei Floyd Landis davon aus, dass das Pariser Labor in Châtenay-Malabry schon bei der A-Probe den so genannten Kohlenstoff-Isotopentest mitmacht. Dabei wird das Verhältnis der Isotope 13C und 12C bestimmt, und daraus ist mit hoher Sicherheit zu entscheiden, ob der erhöhte Quotient im Körper entstanden ist - oder eben durch Testosteron-Einnahme von außen. Die Pariser Kollegen würden das nicht herausgeben, wenn sie sich nicht ganz sicher wären.
SZ: Machen Ihnen diese erstaunlichen Fahndungserfolge trotz der sehr bedenklichen Tendenz Mut?
Franke: Die Dinge müssen wohl wirklich erst sehr schlecht werden, bevor sie sich bessern. Es muss doch wieder um ein Kräftemessen der Jugend gehen, an dem sich ein ganzes Stadion erfreuen kann. Wenn junge Menschen an einem unerwarteten Ergebnis Spaß haben oder eben enttäuscht sind - solche Dinge müssen nun endlich wieder rüberkommen.
SZ: Auch der T-Mobile-Rennstall bemüht sich offenbar darum. Der neue Sportchef Rolf Aldag möchte Sie als neutralen Kontrolleur gewinnen. Wie sehr verblüfft Sie das, da Sie doch stets auch dieses Team hart kritisierten?
Franke: Ich sehe das natürlich schon etwas ungläubig und verwundert. Ob das nun wirklich die Katharsis ist, das Nachdenken und die große Wende, wird man sehen. Aber der Rolf Aldag hat bei mir sicher einen kleinen Vertrauensvorschuss, weil er Westfale ist wie ich.
SZ: Auch im Fernsehen tauchen Sie neuerdings in Sendungen auf, in denen später ein ARD-Redakteur namens Hagen Boßdorf kommentiert - er ist noch im April ihr Prozessgegner gewesen, weil Sie seine beispielhaft unvollständige Berichterstattung im Radsport kritisierten.
Franke: Glaubhaft ist auch sein jetziges Verhalten noch nicht. Ich beurteile Menschen ja nach ihren Taten, und er hätte wirklich sehr viel Abbitte zu leisten. Aber ihm sind wohl jetzt seine Felle davongeschwommen, ich nenne es deshalb die Boßdorfsche Schadensbegrenzung.
Interview: Andreas Burkert
(SZ vom 31.7.2006)