"Wir fahren in einer Super-Champions-League"
München - Vor zwei Jahren fand sich das Sauber-Team am Ende der Saison noch auf Rang vier der Gesamtwertung wieder, in diesem Jahr reichte es für die Schweizer nur noch zu Platz sechs.
Trotzdem gibt sich Teamchef Peter Sauber im zweiten Teil des Sport1-Interviews zuversichtlich, 2004 zu alter Stärke zurückfinden zu können: "Wir haben das Erfolgreichsein nicht verlernt. Unser Ziel ist, uns nach vorne zu orientieren."
Für seine persönliche Zukunft sieht sich Sauber vom Rentenalter noch weit entfernt: "Ich habe keine Probleme damit, die nächsten fünf Jahre weiterzumachen."
Auch wenn der Schweizer die Abgänge von Nick Heidfeld und Heinz-Harald Frentzen bedauert, glaubt er, mit der neuen Fahrerpaarung auf dem richtigen Weg zu sein.
Sport1: 2001 war Sauber Vierter der Konstrukteurs-WM, 2002 Fünfter und 2003 Sechster - wohin führt der Weg ihres Teams im kommenden Jahr?
Peter Sauber: (lacht) Lieber nach vorne als nach hinten. Ich glaube, das ist das Ziel jedes Teams. Und genau das ist es, was die Luft in der Formel 1 momentan so dünn macht. Wir haben sieben Hersteller und das sind Giganten. Es ist nicht eine Champions League, in der wir fahren, sondern eine Super-Champions-League. Da Schritt zu halten, ist unwahrscheinlich schwierig. Unser Ziel muss es dabei natürlich sein, dass wir uns nach vorne orientieren, wobei ich keine Plätze angebe.
Sport1: Sind die Top-4-Teams außer Reichweite? Wer sind die größten Sauber-Konkurrenten?
Sauber: Dazu zähle ich die gleichen Gegner wie in diesem Jahr: Vor allem BAR, Toyota, Jaguar - und auch Jordan darf man nicht außer Acht lassen, die waren immer ab und zu für eine Überraschung gut. Bei den Top-4-Teams ist die Ausgangslage nicht so, dass man ihnen gefährlich wird. Mit dem neuen Windkanal hoffen wir allerdings, dass wir deutliche Fortschritte erzielen können. Wohin die uns führen, wage ich nicht zu prophezeien.
Sport1: Sind Sie zufrieden, wenn Sie immer nur im Mittelfeld landen? Worin liegt für Sie persönlich der Reiz der Formel 1?
Sauber: Es gibt zwei Anreize oder Ziele, die ich verfolge. Das eine, und das kommt sicherlich an erster Stelle, ist das Sportliche. Sie dürfen nicht vergessen, wir haben das Erfolgreichsein nicht verlernt. Überall, wo wir mitgemacht haben, waren wir sehr erfolgreich. Ich denke da vor allem an unsere Zeit mit Mercedes zurück. In der heutigen Formel 1 ist das natürlich alles immer schwieriger geworden. Aber grundsätzlich gilt, dass man sich nach vorne orientieren muss. Was ich nicht mache, ist diesem Ziel irgendeinen Zeitrahmen zu geben, das kann auch in der Zeit nach mir passieren.
Sport1: Und Ihr zweites Ziel?
Sauber: Das kommt zwar an zweiter Stelle, hat aber die gleiche Priorität. Gemeint ist die unternehmerische Aufgabe. Wir beschäftigen hier in Hinwil 300 Mitarbeiter, die alle anständig entlohnt werden. Den Betrieb rentabel zu betreiben, ist mir genauso wichtig wie das Sportliche.
Sport1: Kann man im Mittelfeld auf Dauer überhaupt genug Geld verdienen, um in der Königsklasse zu überleben?
Sauber: Das glaube ich schon. Ich glaube sogar, dass wenn man als unabhängiges kleines Team die nächsten Jahre übersteht, eine gute Chance hat. Meiner Meinung nach wird sich die Formel 1 verändern. Die enormen Budgets lassen sich nicht halten. Die lassen sich nur rechtfertigen, wenn man Weltmeister wird - und das kann ja bekanntlich nur einer. Für diejenigen, die es nicht werden, ist es definitiv zu teuer. Wir bei Sauber können mit deutlich weniger Geld ein gutes Produkt liefern.
Sport1: Sie sprachen kurz von der Zeit nach Ihnen. Machen Sie sich Gedanken über einen persönlichen Rückzug oder bleiben Sie der F 1 noch längerfristig erhalten?
Sauber: Das kommt darauf an, was Sie als längerfristig betrachten. Ich habe keine Probleme damit, die nächsten fünf Jahre weiterzumachen. Das ist in der Formel 1 schon fast langfristig. Die Frage eines möglichen Nachfolgers ist daher nicht nötig. Es ist auch sehr schwierig, einen Nachfolger zu finden.
Sport1: Ihr Neuzugang Giancarlo Fisichella hat es für 2004 als realistisches Ziel bezeichnet, in jedem Rennen Punkte zu sammeln und hin und wieder einen Podestplatz einzufahren. Hat er sich damit ein wenig zu weit aus dem Fenster gelegt?
Sauber: (lacht) Ich habe kein Problem damit, wenn sich die Fahrer aus dem Fenster lehnen. Ich respektiere die hohen Ziele. Wenn Sie mich nach den Zielen fragen, bin ich aber wesentlich vorsichtiger.
Sport1: Zurzeit ist Sauber noch auf Kundenmotoren angewiesen. Ist es ein Traum von Ihnen, Ihren Rennstall irgendwann einmal als "Werksteam" bezeichnen zu können?
Sauber: Vor zwei, drei Jahren hätte ich gesagt: Ja, es muss unser Ziel sein. Heute sage ich nein. Die Unabhängigkeit, die wir heute haben, hat durchaus seine Vorteile. Sie dürfen nicht vergessen, wir haben ja so eine Art Werksmotor. Petronas ermöglicht uns seit sieben Jahren den Ferrari-Motor. Wir werden Anfang der kommenden Saison den identischen Motor verwenden, den auch Ferrari verwendet. Bezahlt von Petronas.
Sport1: 2004 muss ein Triebwerk ein ganzes GP-Wochenende halten. Sehen Sie das als Nachteil für ihr Team, weil Ferraris 052-Motor, mit dem Sauber 2004 fahren wird, eigentlich nur auf eine Standfestigkeit von 350 bis 400 Kilometern ausgelegt ist?
Sauber: Nein, das wird auch nicht der gleiche Motor sein wie 2003. Der Motor ist auf rund 800 Kilometer ausgelegt. Vorsichtiger muss man da natürlich mit der Drehzahl umgehen.
Sport1: Sollte der Rennkalender 2004 wirklich auf 18 Grands Prix aufgestockt werden: Ist das aus finanzieller Sicht her ein Segen oder ein Fluch für die F-1-Teams?
Sauber: Ich bin nicht glücklich über das 18. Rennen, weil das für das Team einfach zu viel ist, da überspannt man. Andererseits waren wir alle unglücklich darüber, dass Montreal aus dem Kalender gekippt wurde. Wenn man das mit den 18 Rennen einmal macht, können alle damit leben. Aber das sollte nicht zur Gewohnheit werden. Finanziell würde es sich nicht lohnen, die Rechnung würde aber wohl aufgehen, so dass man nicht draufzahlen muss.
Sport1: Die Saison 2003 hat gezeigt, dass die Reifen in einem großen Maße rennentscheidend sind. Wie würden Sie den Einfluss beschreiben, den Sauber auf die Entwicklungsarbeit bei Bridgestone hat?
Sauber: Für uns ist es wichtig, dass wir ein Fahrzeug haben, das ähnlich auf die Reifen reagiert wie der Ferrari. Dann können wir direkt von den Entwicklungsarbeiten von Ferrari profitieren. Es wäre kein Problem für Bridgestone, die Reifen für uns zu entwickeln, also parallel zu Ferrari. Das würde gehen, macht aber keinen Sinn, da wir uns diesen Testaufwand nicht leisten können.
Sport1: Gibt es Kooperationen zwischen Sauber und Ferrari im Chassis-Bereich, werden Daten ausgetauscht?
Sauber: Wir arbeiten jetzt seit sieben Jahren mit Ferrari zusammen, da gab es immer einen Datenaustausch. In beide Richtungen.
quelle: sport1.de