Zuerst einmal vorweg: Ich interessiere mich sehr für diese Thematik und bin mit Schottland sehr verbunden. Seit Jahrhunderten streben die Schotten (mal mehr, mal weniger) die Unabhängigkeit an. Ich würde ihnen das gönnen, keine Frage, ich würde mich sogar für sie freuen. Aber: Seit 300 Jahren gehört Schottland nun zu England und von Unterdrückung oder Benachteiligung der Schotten kann nun wirklich keine Rede sein. Es zum großen Teil um ideelle Werte – aber Schottland hat bereits einige Freiheiten wie ein eigenes Regionalparlament, eigene Nationalmannschaften, etc.
1. Jetzt zur Wahl und ihren (potenziellen) Auswirkungen.
- Bei einer Unabhängigkeit werden die Börsen und das britische Pfund schwer leiden, die wirtschaftlichen Auswirkungen können schwer sein – natürlich auch für Schottland und schottische Unternehmen
- Die wirtschaftliche Stärke Schottlands ist unklar. Die Ölvorräte und einige Industrien wie die Biotechnologie sind Pluspunkte, jedoch begibt man sich auf unsicheres Terrain
- Bei einem Ja könnte es wild werden in Europa: Es könnte der entscheidende Impuls für die Nordiren, Katalanen, etc. sein, eigene Bewegungen anzustreben
- Schottland wird bei einer Unabhängigkeit wohl nicht mehr in der EU, NATO, UN, etc. sein
- Aus Brüssel erfährt man starken Gegenwind. Man bezweifelt, dass Schottland schnell (wieder) EU-Mitgliedsstaat wird. Denn hier müssen alle Mitgliedsstaaten zustimmen. Auch England. Auch Spanien, dass den Beitritt des Kosovo seither behindert und auch für die Schotten ein Problem werden könnte (Die Spanier wollen hier ein Exempel an Katalonien statuieren)
- Das Pfund verweigern wohl die Engländer, der Euro ist auch nicht sicher. Die Schotten hängen aber sehr an ihrem Pfund, sowohl der Euro als auch eine neue Währung erfahren nicht viel Zuspruch.
Natürlich kann man hier nicht in die Glaskugel schauen, ich weiß aber nicht ob die Unabhängigkeit wirklich das Beste für „meine“ Schotten ist. „Stick with the devil you know“ – das sagen auch viele Schotten.
2. Zum Thema Wahlberechtigung sollte man noch erwähnen, dass alle Briten & EU-Bürger, die in Schottland leben, wahlberechtigt sind. Mindestens 10% der Wahlberechtigten sind also gar keine gebürtigen Schotten.
3. Meinungsumfragen: Die Umfrage der YouGov hatte recht großes Medieninteresse erzeugt, weil die Schotten sich erstmals für ein Ja aussprachen (47% zu 45%). Die No’s waren bei der nächsten Umfrage von YouGov eine Woche später wieder in der Überzahl. Bei meist gut 1.000 Befragten pro Umfrage muss man die Umfragen mit Vorsicht genießen. Die Tendenz geht jedoch zu einem No.
4. Die derzeit noch Unentschlossenen (vermutlich 5-15%) sind ein weiterer Faktor. Ich denke, dass sich von ihnen mehr für das No entscheiden. Denn von einem Ja in so einer Abstimmung muss man wirklich überzeugt sein, die Entscheidung für den Status Quo ist durchaus einfacher.
Die Wahlbeteiligung sollte die 80% eigentlich überschreiten. Denn eine wichtigere Abstimmung werden die Schotten in ihrem Leben nicht mehr erleben. 4,3 Millionen haben sich bereits registrieren lassen. Gehen diese alle wählen, wäre die Beteiligung bei 97%. Auch bei anderen Unabhängigkeitsreferenden der jüngeren Geschichte (z.B. Montenegro, Slowenien..) lag die Wahlbeteiligung über 80%.
Fazit: Value hat diese Wette definitiv. Fair wäre eine Quote zwischen 1,7-1,85.