Immer schön kritisch bleiben, denn wer mit der Masse und nicht gegen den Strom schwimmt, wird niemals die Quelle erreichen
Verschwörungsgeschwurbel hat nichts mit kritischem Denken zu tun, sondern mit Komplexitätsreduktion durch Flucht in alternative Realitäten. Wären VT-ler kritisch, würden sie ihre eigenen Theorien ständig hinterfragen und immer wieder auf ihre Plausibilität hin untersuchen. Stattdessen werden komplexe Sachverhalte dekonstruiert und so wieder zusammengesetzt, dass sie eine einfache Antwort liefern und ins eigene Weltbild passen. Gegenargumente werden mit Ad-hominem-Attacken ("Systemling", "gehirngewaschen", "vom Mainstream indoktriniert") statt mit eigenen Argumenten gekontert.
Gegen relativ harmlose Theorien, wie die Flat-Earth-Theorie oder Bob Lazars UFO-Geschichten, habe ich ehrlich gesagt nicht mal etwas einzuwenden, solange die Schwurbler unter sich bleiben und nicht auf penetrant-aggressive Weise versuchen, andere davon zu überzeugen.
Das Problem ist, dass es oft nicht bei einer einzigen Theorie bleibt. Jedem Verschwörungsmythos gemein ist eine zutiefst misstrauische Grundhaltung der Politik oder Wissenschaft gegenüber. Wenn Politiker und Wissenschaftler einmal lügen, müssen sie öfter lügen, richtig? So ist der Weg von harmlosen zu gefährlichen Theorien oft nicht weit.
Die psychologischen Motive hinter Verschwörungsmythen ähneln sich stark. Persönliche Probleme werden auf "die da oben" projiziert. Wenn man keine befriedigenden Antworten auf komplexe Fragen erhält, flüchtet man sich in eine Welt, die Sinn ergibt. Nicht ist simpler als anderen die Schuld für eigene Probleme zu geben. VT-ler sind oft sozial isoliert und haben das Gefühl, den Anschluss verloren zu haben. Ängste und Unsicherheiten werden in Wut und Zorn gegen Gesellschaft und Politik kanalisiert. Ja, die Welt in der wir heute leben ist extrem dynamisch und wird zunehmend komplexer. Gefühle der Überforderung und Verunsicherung sind bei vielen Menschen vorhanden. Aber manchmal muss man einfach akzeptieren, dass es nicht auf jede Frage eine Antwort oder für jedes Problem eine Lösung gibt. Das zeigt sich auch in der aktuellen Corona-Krise. Wir haben es mit einem neuartigen, weitgehend unerforschten Corona-Virus zu tun, dessen Auswirkungen weitgehend unbekannt sind und das in vielerlei Hinsicht unendlich viele Fragen aufwirft. Fragen, auf die es keine schnellen und einfachen Antworten gibt. Punkt. Extrem unbefriedigend, ich weiß, aber solange es keine wissenschaftlichen Evidenzen gibt, muss man sich wohl oder übel mit diesem Zustand der kognitiven Dissonanz arrangieren müssen. Ansonsten begibt man sich aufs Feld der Spekulation und da wird das Eis dann eben sehr schnell sehr dünn.
Nur weil sich jemand nicht impfen lässt oder an sonstige merkwürdige Theorien glaubt, begeht er nicht gleich ein Massaker. Solche Vergleiche gehen gar nicht mMn. Der Typ von Hanau war hochgradig gestört, die anderen vermutlich auch.
Die genannten Fälle waren Extrembeispiele dafür, welche Ausmaße der VT-Sumpf annehmen kann. Natürlich gibt es keine monokausalen Zusammenhänge. Aber bei labilen Persönlichkeiten können Verschwörungsmythen ein Katalysator für psychische Erkrankungen sein. Außerdem ist es zu kurz gegriffen, wenn wir Hanau auf eine "gestörte Persönlichkeit" zurückführen, es würde das eindeutig rassistische Motiv des Täters relativieren.
Um die Gefährlichkeit von Verschwörungsmythen zu verstehen, muss man nur einen Blick in die Geschichte werfen. Gewissermaßen war die antisemitische Propaganda zur Nazi-Zeit nichts anderes als ein einziger Verschwörungsmythos ("Der Jude als Weltparasit", "Der ewige Jude", "Das Judenkomplott"). Dieser Mythos wurde so oft wiederholt bis ihn eine kritische Masse an Menschen geglaubt hat. Nazis sind keine bösen Dämonen gewesen, die einem Höllenschlund entstiegen wären. Es waren Menschen wie du und ich, die verunsichert und verängstigt waren und ihre Perspektive verloren hatten. Diese Verunsicherung und Angst war der fruchtbare Boden, auf dem die Propaganda gedeihen konnte. Die Geschichte zeigt, dass man Bullshit nur oft genug zu wiederholen braucht, bis ihn die Menschen irgendwann glauben. Die ganze Brexitkampagne war eine einzige Ansammlung von falschen Behauptungen, allen voran 'The money saved from leaving the EU will result in the NHS getting £350m a week'.