Die Marokkaner haben unter Hervé Rennard zwei Gesichter entwickelt: Zum einen hat man sich beim Gruppensieg in der WM Qualifikation spielerisch nur mäßig hervorgetan, erinnert sein hier an das ziemliche Gebolze beim entscheidenden Auswärtssieg gegen die Elfenbeinküste, wo man durch ein glückliches Tor und eine Ecke zur HZ den 2:0 Vorsprung verwaltete. Insgesamt gesehen, hat man sich aber, und das ist die andere Seite der Medaille, gerade spielerisch in den nachfolgenden Spielen bei der Nationenmeisterschaft weiterentwickelt, wo man zum Beispiel Nigeria 4:0 geschlagen hat. Die Marokkaner haben vor allem im Zentrum grundsätzlich großes spielerisches Potential, allein schon wenn man sich die drei starken Zehner Harit, Ziyech und Belhanda anschaut und ein Ballbesitzspiel wirkt zwar oft noch etwas hektisch und ist nicht fehlerfrei, macht aber einen ansprechenden Eindruck. Und auch die Defensive ist nicht schlecht entwickelt. In der Quali marschierte man mit 11:0 Toren zum Gruppensieg. Mit Dirar und Mendyl hat man auf den AV-Positionen zudem zwei Spieler, die clever und forsch nach vorne verschieben und dem nominellen 4-3-3 zusätzliche Power über Außen verleihen können, wobei der Fokus doch insgesamt auf das starke Zentrum ausgerichtet bleibt. Die Spitze wirkt dagegen etwas isoliert und Marokko sucht eher kreative Lösungen im Kleinen. Einen bulligen Zentrumsstürmer sucht man im Kader vergeblich.
Das ist aber gegen den Iran vielleicht auch gar nicht von Nöten. Hier wird es eher darauf ankommen, geduldig mit einem guten und kontrollierten Aufbauspiel durch Benatia und Bousouffa zu Lösungen zu kommen. Ob das letztlich gelingen wird, hängt auch ein wenig davon ab, wie sich das Team insgesamt in Russland zurecht finden wird aber der international doch recht erfahrene Kader gepaart mit einem interessanten Trainer sollten keine Angst vor der gewaltigen Aufgabe in dieser schweren Gruppe haben, wenngleich Portugal und Spanien die Favoriten aufs Weiterkommen bleiben auf dem Papier.
Der Iran steht in erster Linie für eine sehr disziplinierte Defensive und ist das beste Team, das Asien momentan zu bieten hat. Der klare Gruppensieg kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Niveau bei der WM natürlich ein weitaus anspruchsvolleres sein wird, als Quali-Spiele gegen Südkorea, Syrien, China und Usbekistan. Iran war als erstes Team der Asienquali durch und konnte danach ausgiebig in friendlies das eigene Leistungsniveau testen. In zehn Spielen gewann man sieben mal, verlor aber auch zweimal gegen die Türkei und Tunesien und die Gegner waren insgesamt recht überschaubar.
Was kann man also vom Team um den portugiesischen Trainer Carlos Queiroz erwarten? Der ehemalige Assistent von Sir Alex Ferguson arbeitet mit seinem Team wenig überraschend vornehmlich gegen den Ball, was nicht erst seit kurzem meist sehr gut funktioniert. Bei der letzten WM hielt man bis zur letzten Minuten zum Beispiel gegen Argentinien die Null, ehe Messi in der NSZ doch noch das 1:0 erzielte. Man baut dabei auf ein eingespieltes 4-1-4-1 in dem die Rollen klar verteilt sind. Zum einen bedient man sich einer Mannorientierung und einer grundsätzlich tiefen Staffelung. Nach vorne findet man ein gepflegtes Ballbesitzspiel vergeblich. Mitunter lautert man mit einer physischen Präsenz auf zweite Bälle, nachdem man mit langen Bällen und Pässen in die Tiefe die Flügel auf Reise geschickt hat. Die AVs müssen viel arbeiten und verschieben auch viel nach Innen, wenn das Zentrum zur Mannorientierung übergeht, dabei stehen sie dann oft nicht ideal, wenn der Gegner schnell die Seiten verlagert und über Außen konsequent Druck macht.
Der Iran mag bei der vergangenen WM schon wenig Punkte geholt haben, die Gegner beißen sich aber in der Regel die Zähne an der starken iranischen Defensive aus. Wie stark Marokko damit Probleme haben wird, ist schwer einzuschätzen. Sie sind von der individuellen Leistung her klar besser aber die Quoten für einen Marokko-Sieg sind nicht ungefähr deutlich über 2.0 angesiedelt. Trotzdem ist ein Versuch auf Marokko spielbar. Denn einen Sieg traue ich dem Iran nicht zu und früher oder später wird die Defensive vor allem über Außen nicht fehlerfrei bleiben. Direkter Sieg und mit X absichern könnte man auch aber ich spiele lieber -0.25 an. Das Momentum liegt einfach bei Marokko.
Marokko -0.25 1.95 pin 6/10