Meiner Meinung ist die Diskussion etwas entgleist, weil sie sich zu stark auf die Frage, ob eine No-Limit-Policy, also gar keine Limitierung, realistisch wäre oder nicht, konzentriert. Tatsächlich teile ich die Meinung von
Pflaumenaugust und
scholldart in diesem Punkt. Die Vorstellung, dass jeder Spieler unabhängig von seinem Spielverhalten, und sei er noch so erfolgreich, quasi bis an sein Lebensende mit Standardlimits ausgestattet wird, halte ich bestenfalls für utopisch, eher für naiv, in jedem Fall aber weder für politisch, noch für betriebswirtschaftlich machbar. Vielleicht lässt sich das am Beispiel von b365 anhand folgender Rechnung verdeutlichen:
b365 hat laut Wikipedia derzeit 35 Millionen Kunden. Der Anteil an aktiven Kunden dürfte etwa 10-20% betragen, gehen wir der Einfachheit halber von 10% aus. Was den Anteil der langfristig profitablen Spieler angeht, hört und liest man verschiedene Zahlen. Offizielle Erhebungen gibt es nicht. Ich nehme in meinem Beispiel einen Anteil von 0,2% der aktiven Spieler an, der in der Lage wäre unter den derzeit vorherrschenden Rahmenbedingungen bei b365 durchschnittlich 5.000 Euro Gewinn pro Monat (1.250 pro Woche) zu erzielen. Es ist schwierig, diese Zahl zu schätzen. Einige Spieler wären sicherlich auch in der Lage, Gewinne im (mittleren) fünfstelligen Bereich zu erzielen. Andere mögen darunter liegen. Faktoren wie Syndikate (Wetten in Gruppen) oder Spielmanipulationen würden den Profit des Bookies weiter schmälern, sollen in dieser Rechnung aber außen vor gelassen werden.
b365's operativer Gewinn vor Steuern (exklusive betriebsfremde Erträge) für das letzte Geschäftsjahr betrug etwa 902 Mio Euro. Das Verhältnis von Sportwetten zu Casino am Gewinn beträgt in etwa 40:60, demzufolge entfallen etwa 360 Mio Euro Gewinn auf den Sportwettenbereich.
Sehr interessant wäre noch die Frage, inwieweit der Unternehmensgewinn durch Drittkonten profitabler Spieler geschmälert wird, aber ich habe leider keine Ahnung, wie und wo man valide Daten dazu erhalten könnte, insofern kann dieser Faktor in der Rechnung nicht berücksichtigt werden. Genauso wenig wie der Effekt der gesteigerten Effizienz von Wettquoten ("Pinnacle-Effekt").
-> 7.000 profitable Spieler würden 455 Mio Euro Gewinn im Jahr erzielen (7000*1250*52)
=> Der Sportwettenbereich des Unternehmens wäre nicht länger rentabel.
Falls ich Prämissen getroffen habe, die ihr für grundlegend falsch haltet, korrigiert mich bitte. Ich habe mir das eben auf die Schnelle zusammengeschustert.
Wie
Pflaumenaugust richtig angemerkt hat, wäre der Bookie gezwungen, Anpassungen vorzunehmen, wie z.B. das Entfernen von Randligen und bestimmter Wettarten, eine (starke) Herabsetzung von Limits auf Randligen, Kombizwang, eine (starke) Reduzierung des Auszahlungsschlüssels usw.
Maßnahmen dieser Art würden vielen profitablen Spieler die "Geschäftsgrundlage" entziehen. Letztlich wäre durch eine No-Limit-Policy also weder für die eine Seite, noch für die andere etwas gewonnen.
Aus diesem Grund habe ich auch bewusst von einer Limitierungsuntergrenze (nachfolgend: LUG) gesprochen, wie sie bei Pferdewetten in UK oder Australien schon zum Einsatz kommt, wobei man fairerweise dazu sagen muss, dass der Auszahlungsschlüssel bei Pferdewetten deutlich niedriger ist als bei Sportwetten.
Trotzdem halte ich eine LUG für eine realistische Option. Sie hätte im Vergleich zum Status Quo mindestens zwei betriebswirtschaftlich relevante, positive Effekte für den Bookie:
- der Anteil der fremdgenutzten Konten würde zurückgehen
- die Effizienz der Wettquoten würde sich erhöhen.
Bei der Festlegung der Höhe der LUG könnte man sich am Sweet Point orientieren: dort, wo der Bookie maximal von den positiven Effekten profitieren und gleichzeitig minimal vom negativen Effekt, nämlich von (vermeintlich) sinkenden Gewinnen, belastet würde. Letzteres wäre überhaupt erst einmal zu eruieren. Dazu wäre es aber erforderlich, dass der Bookie alle Zahlen offenlegt. Der regulative Eingriff von außen, also auch das Festlegen der LUG, müsste sich an der betriebswirtschaftlichen Situation des Bookies orientieren.
Selbstverständlich gilt auch bei der LUG: Es wäre für viele profitable Spieler nichts gewonnen, wenn der Bookie infolge dieser gesetzlich verpflichtenden Anpassung sein Angebot umstellen oder den Auszahlungsschlüssel dramatisch senken würde. Denn eines ist klar: Man kann einen Bookie nicht per Gesetz dazu zwingen, dass er die zweite laotische Fußballliga mit allen denkbaren Zusatzwetten anbietet. Dazu ließe sich dann auch kein ethisches Argument mehr konstruieren.
Vielleicht habe ich auch einen grundsätzlichen Denkfehler, aber ich finde, man sollte zumindest mal ergebnisoffen an die Sache rangehen und eine Debatte darüber führen, wie man alle Spieler mit ins Boot holen könnte. Auch wenn es nur eine sehr kleine Gruppe von Leuten in jedem Land betrifft, und das ist leider der Grund, warum das Thema nicht auf einer politischen Agenda landet, sollte man als Staat bestrebt sein, allen Spielern einen angemessenen Zugang zum regulierten Angebot zu ermöglichen. Die Alternative dazu wäre:
- Entkriminalisierung der Teilnahme am unregulierten Angebot, also Abschaffung des § 285 StGB (Deutschland)
- klare steuerrechtliche Ausgestaltung für professionelle Spieler.
Sorgen würde ich mir jetzt um die Buchmacher auch keine machen, aber es ist nunmal Fakt, dass jedes Jahr ein paar Buchmacher vom Markt verschwinden und bei den meisten liegt der Verdacht nahe, dass Sie sich einfach verschätzt haben.
Könnte sein. Ich glaube, dass bei einem nicht unerheblichen Teil dieser Bookies das Verschwinden von Anfang an Teil des Konzepts ist (Exit Scam, temporäre Geldwäsche etc). Wie man am Beispiel von Digibet sehen kann, ist es relativ einfach für einen Gesellschafter eine Insolvenz vorzutäuschen, um wenig später mit einer neu gegründeten Limited zurück ans Netz zu gehen.
(...) derjenigen die eben nicht so gut mit Zahlen umgehen können.
Es soll auch Leute geben, die mit Zahlen umgehen können, aber trotzdem nur aus Jux und Tollerei wetten. Ich halte es für falsch, jedem der aus Spaß wettet, zu unterstellen, er wüsste nicht, wie es besser ginge. Ich habe z.B. jemanden in meinem Umfeld, der sehr genau weiß, wie langfristig profitables Wetten funktioniert und es auch eine Zeit lang praktiziert hat, um sich sein Studium zu finanzieren, später aber wieder zur guten alten, samstäglichen 10er-Kombi zurückgekehrt ist, schlicht weil er aufgrund anderer Verpflichtungen keine Zeit mehr für die professionellere Herangehensweise hatte, aber wohl auch, weil es ihm auf Dauer zu anstrengend war.