Sonntag, 01.11.2020, 14:00 Uhr
3. Liga: Türkgücü München - FC Ingolstadt
Eines der zahlreichen bayerischen Derbys in der 3. Liga steht an.
Der "gefühlte Zweitligist" Ingolstadt gastiert heute beim Aufsteiger aus München. Klare Sache, will man meinen. Aber die ersten Spieltage in der Liga haben gezeigt: Jeder kann jeden schlagen.
Für gewöhnlich gilt der Automatismus, Aufsteiger in die Underdog-Schublade zu stecken. Aber Türkgücü ist eben kein gewöhnlicher Aufsteiger. Der Hauptgesellschafter Hasan Kivran hat ehrgeizige Ziele. Bis spätestens 2023 wird die Zweite Liga anvisiert. Im Kader befinden sich einige klangvolle Namen, z.T. mit Erfahrungen aus höheren Ligen: Beispiele: Torwart Rene Vollath (2. Liga bei KSC), Tom Boere (Ehrendivision Enschede), Peter Sliskovic (u.a. MSV Duisburg) und Sercan Sarerer (u.a. 2. Liga bei Fürth).
Nicht nur sportlich war Türkgücü zuletzt in den Schlagzeilen präsent. Sie sahen sich rechten Anfeindungen in Mannheim und Zwickau ausgesetzt. In der Pokal-Posse hingegen hat sich der Club als schlechter Verlierer gegeben. Trotz eines Deals mit dem Bayerischen Fußballverband, wonach Türkgücu als Aufsteiger und Schweinfurt als Pokalteilnehmer gemeldet wird, wollte man auf dem Rechtsweg den Pokalstartplatz einklagen. (Verständlich, da mit Schalke quasi ein Freilos wartet

). Der junge nassforsche Geschäftsführer hat nach der letztinstanzlichen Niederlage durch Äußerungen wie "Mickey-Maus-Gericht" für Kopfschütteln gesorgt.
"Vorne hui, hinten pfui", könnte die Kurzzusammenfassung der ersten 6 Spiele lauten. Torverhältnis 13:11. Im Sturm haben sich Sarerer (2 Tore, 6 Vorlagen) und Sliskovic (5 Tore, 2 Vorlagen) in den Vordergrund gespielt. Gegen Ingolstadt ist das dynamische Duo gesprengt. Nach 5 gelben Karten in 6 Spielen brummt Sararer bereits eine Sperre ab. Außerdem fällt aus dem Kreis des erweiterten Stammkaders Boubacar Barry aus.
Letzte Woche hatte Türkgücü spielfrei. Wegen positiver Corona-Tests wurde das Spiel in Zwickau kurzfristig abgesagt. Ein Laborfehler, wie sich nachträglich herausstellte.
Fragt man nach den diesjährigen Aufstiegsfavoriten wird neben Dresden sicherlich meist Ingolstadt genannt. Die Gäste aus Ingolstadt haben den Last-Minute-Aufstiegs-KO mittlerweile verkraftet. Dennoch war der Saisonstart etwas holprig. Zwei Niederlagen stehen bereits zu Buche (gegen Köln und Unterhaching); auch der Sieg gegen Dresden letztes Wochenende sollte nicht überbewertet werden, da Dresden 85 Minuten in Unterzahl spielte. Der Kader wurde nur punktuell verändert. Mit Marc Stendera konnte auch ein namhafter Neuzugang verpflichtet werden. Stürmer Kutschke - sicherlich einer der Schlüsselspieler - ist nach Verletzungspause wieder fit. An seiner Seite dürfte wohl wieder der junge Fatih Kaya auflaufen. Mit seinen türkischen Wurzeln sicherlich ein emotionales Spiel für ihn. Mit Beister wäre noch gutes Offensiv-Joker-Potential auf der Bank. Schmerzlich vermisst wird der rotgesperrte Linksaußen Elva. Vergleichend lässt sich festhalten: Der Kader hat bereits Aufstiegsformat bewiesen, der von Türkgücu muss dies noch tun.
Zu erwarten ist ein hochemotionales Spiel. FCI Coach Oral - auch mit türkischen Wurzeln - wird allgemein gerne ein fragwürdiges Verständnis von Fairplay unterstellt. Bei leeren Zuschauerrängen könnte ich mir hin und wieder verbale Provokationen des Gegners oder Reibereien mit dem Schiedsrichtergespann vorstellen. Auch Manager Henke hat mit seinem Tritt in Kaiserslautern das Bad-Boy-Image der Schanzer unterstrichen. Im Spiel jedoch wird Ingolstadt clever genug sein und nicht in die Türkgücüfalle tappen. Die Münchner werden ihr Heil in der Offensive suchen. Ich gehe davon aus, dass sich Ingolstadt das erst einmal aus einer gesicherten Defensive anschaut und den offenen Schlagabtausch vermeidet. Im Umschaltspiel ist Türkgücü stark; der FCI wird hier nicht ins offene Messer laufen. Über die 90 Minuten wird es Ingolstadt sicherlich gelingen, Nadelstiche setzen und gegen die löchrige Abwehr zu Chancen zu kommen. Offensiv wiegt der Verlust von Sararer bei den Münchnern schwer. Der Spieler ist ganz klar systemrelevant. Bei allem Respekt vor Omar Sijaric, der ihn wohl ersetzen wird: Das kann er nicht kompensieren. Ob Sliskovic sich ohne seinen genialen Vorlegengeber in Szene setzen kann, bleibt abzuwarten. Somit: erhebliche Schwächung der Offensivkraft.
Tabelle vor dem Spieltag (wenig aussagekräftig): Türkgücü 10. (bei 6 Spielen) / Ingolstadt 5. (bei 7 Spielen)
Heimvorteil: null. a) keine Zuschauer und b) keine Heimat (Türkgücü spielt im Grünwalder Stadion, im Olympiastadion und hat außerdem Würzburg und Burghausen als Heimspielstätte gemeldet).
Corona-Zwangspause von Türkgücü ein Vorteil? Glaube ich nicht. Auch Ingolstadt hatte 8 Tage Pause. Das sollte in der frühen Saisonphase genügen.
Direkter Vergleich: Nur ein Testspiel im März 2020 (3:1 für Ingolstadt). Aber kaum Aussagekraft, da zumindest der Türkgücü-Kader nicht mit dem heutigen vergleichbar ist.
Trotz des Sararer-Ausfalls favorisieren die Bookies Türkgücü leicht. Ich sehe es andersherum.
Sieg Ingolstadt AHC0 Quote 1,95 (u.a. bwin, bet3000) 3 EH