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Für die Radsport-Welt war die Nachricht am Dienstagmorgen ein Schlag ins Kontor: Lance Armstrong nachweislich gedopt! Der Amerikaner hatte 1999 bei seinem ersten der insgesamt sieben Erfolge bei der Tour de France das Blutdopingmittel EPO genommen.
Das wurde jetzt laut Fachzeitung "L'Equipe" von dem französischen Kontrollinstitut in Chatenay-Malabry bei Paris veröffentlicht. In insgesamt sechs Urin-B-Proben aus der Tour 1999 sei nachträglich im Jahre 2004 das Mittel EPO nachgewiesen worden.
Unter Ärzten, Funktionären und auch ehemaligen Rad-Profis sorgte die Nachricht für heiße Diskussionen. Die Experten äußern sich bei Sport1.de über die möglichen Folgen des Doping-Skandals um den am 24. Juli zurückgetretenen Armstrong.
"EPO unter Radprofis ein gängiges Dopingmittel"
Rolf Wolfshohl, Ex-Tour-Fahrer und dreifacher Cross-Weltmeister, ist durch das Analyse-Ergebnis aus Paris nicht geschockt: "Zur damaligen Zeit war unter den Radprofis die Einnahme von EPO ein gängiges Dopingmittel. Es konnte damals noch nicht im Urin nachgewiesen werden."
Es sei allerdings jetzt schade, dass über der Superleistung von Armstrong jetzt ein solcher Schatten liegt. "Denn eins ist klar: Lance hat vor allem durch seinen eisernen Willen die Tour-Siege herausgefahren. Das hat er auch einem Jan Ullrich voraus", erklärt Wolfshohl gegenüber Sport1.de.
UCI muss über Sanktionen entscheiden
Es müsse allerdings jetzt beim Weltverband UCI entschieden werden, ob nach solch langer Zeit noch Sanktionen gegen einen Dopingsünder ausgesprochen werden können - zum Beispiel die nachträgliche Aberkennung des Tour-Erfolges von 1999.
In die Kerbe schlägt auch Hans-Michael Holczer, Teamchef von Gerolsteiner. Für ihn sind jetzt zwei Dinge wichtig:
1. Welche rechtlichen Folgen hat die Analyse der Dopingproben für Armstrong?
2. Was wird Armstrong juristisch dagegen tun?
"Sollen Dopingdelikte verjähren?"
Holczer: "Sollen Dopingvergehen denn verjähren? Wenn die UCI die Aufhebung aller Fristen entscheidet, müsste man die Sünder nachträglich sanktionieren. Nur so wäre die Aberkennung des Tour-Sieges 1999 möglich."
Aber ein Signal sei inzwischen beim Weltverband angekommen: "Es muss weiter ganz scharf mit Kontrollen im Wettkampf, beim Training und auch anderswo gegen den Dopingsumpf angekämpft werden. Und das wird seit Jahren getan."
Antidoping-Agentur WADA kündigt rechtliche Schritte an
Die Antidoping-Agentur WADA hat inzwischen reagiert und rechtliche Schritte angekündigt. Ex-Profi Marcel Wüst: "Das kann natürlich einen Rattenschwanz mit sich ziehen. Aber es gibt leider weiter Doping."
Wüst fordert im Dopingkampf härtere Strafen - längere Sperren und ganz empfindliche Geldstrafen. Zu Sport1.de sagt der TV-Experte: "Wir müssen aber da jetzt erst weitere Fakten aus Frankreich abwarten."
Dr. Wilhelm Schänzer, Doping-Analytiker aus Köln: "Das Ergebnis der Kollegen aus Paris halte ich für korrekt. Das analysierte Mittel steht aber eindeutig nicht in Zusammenhang mit Armstrongs Krebserkrankung. Denn die Mittel werden in den Medikamenten nicht verabreicht."
Tour-Direktor Leblanc maßlos enttäuscht
Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc ist maßlos enttäuscht: "Ich fühle mich von Armstrong verraten."
Olaf Ludwig, Teammanager von T-Mobile: "Es überrascht mich, davon zu hören. Aber so lange nichts sicher ist, ist es sehr schwierig, über diese Sache zu urteilen." So hält sich auch Teamarzt Dr. Lothar Heinrich mit Kommentaren zum Fall Armstrong zurück.
UCI-Präsident Hein Verbruggen: "Wir müssen abwarten, ob sich das alles als wahr herausstellt. Nur dann können wir überschauen, ob die UCI rechtliche Schritte einleiten muss und ob das ein weiterer Rückschlag für den Radsport ist. Das alles ist nicht sehr erfreulich, aber im Moment ist das eine Sache zwischen Lance Armstrong und den Franzosen."
"Mythos Armstrong ist beschädigt"
Daniel Baal, Ex-Präsident des französischen Verbandes: "Der Mythos Armstrong hat keine Daseinsberechtigung mehr. Diese Entdeckungen müssten auch die größten Verehrer Armstrongs verstummen lassen. Denn die Ergebnisse scheinen mir nur schwierig zu bestreiten."
Ex-Tour-Held Raymond Poulidor: "Warum führen wir nicht rückwirkend Tests bis 1903 durch? Armstrong hat mehrfach gesagt, dass er nie etwas genommen hat - allerdings gab es zu dem betreffenden Zeitpunkt noch nicht die entsprechenden Proben. Die ganze Sache ist sehr betrüblich. Als einziges kann man wohl feststellen, dass Armstrong es wie alle anderen gemacht hat."
Richard Virenque, Ex-Tour-Star und -Dopingsünder: "Es ist erstaunlich, dass man auf die Analyse-Ergenisse warten muss, bis Armstrong aufgehört hat, um das herauszubekommen."
Vielleicht der Beginn einer großen Täuschung
Eric Boyer, Teammanager von Cofidis: "Das ist ein Donnerschlag. Die Journalisten haben ihre Arbeit getan. Aber es ist schade, dass die UCI nicht rückwirkend die Mittel einsetzt, die ihm zur Verfügung stehen. Vielleicht war es damals der Beginn einer großen Täuschung. Da schaut man die Tour de France, sieht Armstrongs Arroganz und sein ganzes Verhalten. Und dann entdeckt man, dass alles nur Schau ist."
Ex-Profi Werner Betz: "Ich bin geschockt. Das muss ich erst einmal verdauen."
Gregor Braun, Ex-Radstar und Doppel-Olympiasieger von 1976: "Es ist immer bitter für den Radsport, wenn er mit solchen Doping-Veröffentlichungen in Verbindung gebracht wird. In diesem speziellen Fall liegt das aber schon sehr weit zurück. Und ich weiß nicht, ob man da noch rechtliche Schritte einleiten kann."
"Wo viel Geld zu verdienen ist, wird auch betrogen"
Für Wolfshohl wird das Übel Doping kaum auszurotten sein. "Da, wo es viel Geld zu verdienen gibt, wird auch betrogen. 80 Prozent der Fahrer haben den Asthmatiker-Ausweis. Da kann man doch dran fühlen. Denn unter den Extrembelastungen fehlt nicht erst die Kraft, sondern die Luft. Und mit Sprays wird für freieres Atmen gesorgt. Auch Jan Ullrich hat den Pass."
Quelle : Sport1.de