Gruppe A:
Polen wird mittlerweile von vielen als der Gruppenfavorit gesehen, wofür es durchaus gute Argumente gibt, wenngleich ich den Russen ebenfalls gute Chancen auf Platz 1 einräume.
Für ein Weiterkommen der Polen sprechen zunächst einmal der Heimvorteil und die vergleichsweise einfache Gruppenphase, die man zudem noch gegen den vermeintlich leichtesten Gruppengegner Griechenland eröffnen darf. Schaffen die Polen hier einen Sieg (wovon ich persönlich ausgehe, auch wenn es ein knappes Resultat werden dürfte, da der Druck auf den Polen hier schon immens hoch ist), dann wissen wir alle noch aus 2006, was eine Euphorie-Welle bewirken kann. Ob es dann zu Platz 1 reicht, wird wohl das Spiel gegen Russland entscheiden.
Die Stärken der Polen liegen für alle offensichtlich in der Dortmunder-Achse bzw. auf der rechten Außenbahn, auf der die beiden BVB-Dauerbrenner Kuba (der mit 6 Toren und 10 Vorlagen zum perfekten Götze-Ersatz avancierte) und Piszczek (4 Tore und 8 Vorlagen) ein kongeniales Duo bilden, das es mittlerweile auch bestens versteht, gegen tief stehende Gegner für Chancen zu sorgen. Abnehmer in der Mitte ist Lewandowski, der diese Bundesliga-Saison inkl. Pokalfinale dafür genutzt hat, sein ganz persönliches Bewerbungsvideo an die Top-Clubs in Europa zu versenden. Er versteht es unheimlich gut, (hohe) Bälle mit dem Rücken zum Tor zu verarbeiten und seine Mitspieler einzusetzen oder einfach den Ball zu halten, was ihn aus meiner Sicht noch mehr als seine Tore zu einem besonders wertvollen Spieler macht. Insgesamt bilden diese 3 Spieler eine schlagkräftige Offensive und dürften nach dem Double mit mächtig Selbstvertrauen anreisen.
Ein weiterer Faktor für Polen ist Torhüter Szczesny, der bei Arsenal zum Stammspieler gereift ist und konstant Höchstleistungen abruft. Davon konnten sich auch die Deutschen im Testspiel (2:2) überzeugen.
Die Schwächen mache ich bei den Polen in der fehlenden Kadertiefe und der vermutlichen Berechenbarkeit des Spiels aus. Verletzt sich einer der Dortmunder oder schafft es nicht, seine Form abzurufen, dann geht den Polen ein ganzes Stück an Qualität ab. Insbesondere wenn Lewandowski nicht trifft, wird es schwer, denn ein zweiter guter Stürmer ist bei Polen nicht zu sehen (auch wenn beispielsweise Sobiech von Hannover durchaus in der Lage ist, mal einen lucky punch zu landen).
Oder aber der Gegner schafft es, Polens rechte Seite kaltzustellen. Klar, auch über links oder durch die Mitte kann über Leute wie Polanski, Murawski, Rybus oder auch Wolski (der „Polen-Götze“, scheint ein guter, unbekümmerter Spieler zu sein) als Einwechselspieler immer mal was gehen, aber letztlich fehlt es da schon an Qualität.
Zudem halte ich die Abwehr im Vergleich nicht für besonders sattelfest. Der Bremer Boenisch ist eher offensiv als defensiv orientiert und wird seine Seite nicht konsequent dicht machen können, Wasilewski von Anderlecht ist recht hüftsteif und Perquis von Sochaux war lange verletzt (ähnlich wie Mertesacker). Die letzten Testspielergebnisse lesen sich im Hinblick auf die Defensive zwar außerordentlich positiv – so gab es im Jahr 2012 noch nicht ein Gegentor, aber die letzten Gegner Lettland (1:0), Slowakei (1:0) und Andorra (4:0) zählen auch nicht unbedingt zu den Nationen, die im Strafraum Angst & Schrecken verbreiten.
Insgesamt ist den Polen schon eine gute EM zuzutrauen, sie würden im Viertelfinale auf einen Gegner aus der deutschen Gruppe B treffen. Hier sehe ich sie Stand jetzt gegen keinen Gegner als so klaren Underdog, als dass es nicht bis ins Halbfinale gehen könnte. Dann dürfte aber aufgrund der mangelnden Kadertiefe und auch der Erfahrung spätestens Schluss sein. (Polen stellt nach Deutschland den zweitjüngsten Kader, hat aber keine Profis wie Özil oder Khedira, die in jungen Jahren schon tragende Säulen bei einem ausländischen Top-Club wie Real Madrid sind. Außerdem wurde seit der Quali zut WM 2010 kein Pflichtspiel mehr bestritten). Ein Wort noch zu möglichen Torschützen: Lewandowski zurecht der Favorit als bester Torschütze Polens, aber die Quoten auf Kuba überzogen. Bei Dortmund in der Rückrunde torgefährlich, schießt zudem die Elfer bei Polen (evtl. auch mal einen Freistoß) und ist ein sicherer Schütze. In den letzten 9 Länderspielen (alle 2012) erzielte Kuba 4 Tore, Lewandowski in den letzten 7 Spielen (alle 2012) 3 Tore. Lewandowski natürlich durch seine Torquote nach außen der „Player to watch“, Kuba gilt insgeheim jedoch als der wichtigste Spieler der Polen. Einer von beiden sollte der torgefährlichste Spieler der Polen werden.
Russland hat für mich grundsätzlich das Potenzial, sich ganz weit nach vorne durchzuspielen, allerdings würde es mich auch nicht gänzlich überraschen, wenn schon nach der Gruppenphase Schluss ist, denn die Russen sind recht unbeständig. Nach den Erfolgen von ZSKA und St. Petersburg im Europapokal sowie der Nationalmannschaft bei der EM 2008 haben nicht wenige dem russischen Fußball das Erreichen des nächsten Levels auf dem Weg zur erweiterten Weltspitze bescheinigt. Keine Frage, die Russen waren im Kommen, aber spätestens seit dem Verpassen der WM 2010 stagniert die Entwicklung. Die Qualifikation zur EM hat man bei 7 Siegen und nur einer Niederlage letztlich souverän gemeistert, auch wenn man mit Teams, die man bei der Qualität im russischen Kader schlagen muss, wie der Slowakei und Irland, seine Probleme hatte. Wenn es drauf ankam, war der aktuelle Weltranglisten-11. aber zur Stelle.
Die Stärken der Russen liegen in der Abwehr um Akinfeev und der Eingespieltheit des Teams. Die Vielzahl der Akteure kommt von den russischen Spitzenclubs. In der Qualifikation gab es in 10 Spielen lediglich 4 Gegentore. Zwar kamen die Gegner Slowakei, Mazedonien und Andorra in zusammen 30 Spielen nur auf 16 Tore, so dass die Aussagekraft nur bedingt gegeben ist. Doch auch in den letzten Freundschaftsspielen zeigte sich die defensive Stabilität – so gab es ein 3:0 gegen Italien, ein 0:0 gegen Litauen, ein 1:1 gegen Uruguay, ein 2:0 gegen die Dänen und ein 1:1 in Griechenland. Zwei Gegentore in 5 Spielen also und die Gegner gar nicht schlecht.
Die Testspielergebnisse wie die Quali mit 17 Toren (da haben manche Gruppendritte und –vierte mehr Tore erzielt) zeigen aber auch die Kehrseite und die vermeintliche Schwäche der Russen – bei aller offensiven Qualität um Leute wie Kerzhakov, Dzagoev, Arshavin oder auch Pavlyuchenko und Shirokov schießen die Russen in der Regel nicht viele Tore. Auf Basis meiner letzten Eindrücke liegt dies aber eher daran, dass man zu viel liegen lässt. Chancen sind da und natürlich ist es wichtig, diese auch mal zu nutzen, aber noch wichtiger ist es, genug Chancen herauszuspielen. Besser 2 von 10 Chancen nutzen, als 0 von 3 J Dass die Russen in der Offensive jederzeit explodieren können, haben wir alle 2008 gesehen. Und solange die Defensive steht, reicht ja auch im Zweifel nur 1 Tor.
Insgesamt sind die Russen schwer zu schlagen und da ich Polen im direkten Vergleich nicht vorne sehe, hat Russland für mich auch alle Chancen auf Platz 1. Das erste Spiel gegen die Tschechen sollte mit einem 1-0 oder 2-0 an die Russen gehen, was fast sicher das Viertelfinale bedeuten würde. Klar, gerade Russland lässt gegen Teams wie Griechenland dann doch mal was liegen, weil man vielleicht zu selbstsicher ist, aber bei der EM wird man sicher noch etwas fokussierter auftreten und die Qualität ist für mich einfach höher als die der Tschechen und der Griechen. Bleiben die Russen defensiv stabil und nutzen ihre Torchancen, ist für mich auch mehr drin als das Viertelfinale. Ich glaube jedenfalls nicht, dass jemand aus der Gruppe B so heiß darauf ist, gegen Russland anzutreten. Wenn es einen Geheimfavoriten gibt, dann für mich Russland neben Kroatien. Klar, die Franzosen auch zu nennen, aber die sind mittlerweile kein Geheimfavorit mehr, schon viel zu offensichtlich als 3. / 4. Kraft hinter Spanien, Deutschland und Holland genannt. Ich gehe daher auf „echte“ Geheimfavoriten und hier kommen für mich die Russen aufgrund der Defensivstärke gepaart mit offensiv guten Leuten mini-small in Betracht.
Tschechien hat sich über die Playoffs qualifiziert, nachdem man die Gruppenphase mit nur 13 Punkten auf Platz 2 abgeschlossen hat. Gegen Montenegro hatte ich sie daher auch schon die Segel streichen sehen, ehe sie dann aber deutlich verbessert aufgetreten sind und zudem davon profitiert haben, dass Montenegro angesichts einer großen Chance sehr verkrampft und fahrlässig vor dem Tor aufgetreten ist.
Die erste Elf der Tschechen ist dabei in bestimmten Mannschaftsteilen gar nicht mal schlecht, mit Cech verfügt man im Tor über Weltklasse, Linksverteidiger Kadlec schießt gute Standards, auch das Mittelfeld ist mit Rosicky, Pilar, Jiracek, und Plasil ordentlich besetzt. Die Abwehr ist insgesamt jedoch allenfalls solide und der Sturm ist, was auch die nur 12 geschossenen Quali-Tore untermauern, im Zweifel zu harmlos. Baros trifft im National-Dress zwar immer wieder mal, aber von der Form vergangener Tage weit entfernt und dahinter kommt nichts. Pekhart die personifizierte Harmlosigkeit. Für ein Tor könnte es pro Spiel durchaus reichen, allerdings nicht für viel mehr, und da man sich in der Regel mindestens auch ein Tor fängt, stufe ich die Chancen der Tschechen nicht allzuhoch ein. Die letzten Testspiel-Ergebnisse lauten entsprechend 1:1 gegen Irland, 2:1 gegen Israel, und 1:2 gegen Ungarn. Insgesamt ist Tschechien sicher kein Kanonenfutter und bei einer Schwäche der Russen wohl auch in der Lage, die sich bietende Gelegenheit zu nutzen. Aus meiner Sicht wird es am Ende aber nur zu Platz 3 (oder bei entsprechender Demotivation Platz 4) reichen.
Griechenland wird von vielen als Gruppenletzter gesehen – auch ich denke, dass es zumindest nicht für das Viertelfinale reichen wird. Allerdings wird mir bei der Betrachtung allzusehr außen vor gelassen, dass die Griechen eine klasse Quali gespielt haben, mit 7 Siegen und 3 Unentschieden, also keiner Niederlage gegen Teams wie Kroatien und Israel, auch die Letten an einem guten Tag nichtmal so verkehrt.
Dabei gab es gerade mal 5 Gegentore. Da es andererseits auch nur zu 14 Toren gelangt hat und die letzten Testspielergebnisse nicht berauschend waren (1:0 gegen Armenien, 1:1 gegen Slowenien und Belgien und Russland, sowie ein 1:3 gegen Rumänien), sollte es Griechenland in der derzeitigen Form nicht schaffen. Aber gegen Armenien (22 Tore in der Quali, da hätte man schon auch mal mit einem Tor gegen Griechenland rechnen können), Belgien, Russland und Slowenien nur 4 Gegentore zu bekommen, zeugt schon irgendwo von defensiver Qualität. Und durch Fortounis, Samaras, Salpingidis, Gekas oder den kopfballstarken Papadopoulos (Tzavelllas schießt ja auch gute Standards) ist ein Tor immer mal möglich. Bei einer Niederlage im ersten Spiel gegen Polen sollte es das gewesen sein, aber wenn die Griechen gegen den vermeintlichen Gruppenfavoriten was mitnehmen, dann ist was drin. Und ganz unmöglich ist das nicht. Letztlich haben die Griechen das Viertelfinale bei der WM 2010 auch nur um einen Punkt verpasst.
Insgesamt glaube ich, dass die Defensive statistisch zwar ganz gut ist, aber es letztlich mindestens einmal zu viel ein Gegentor gibt, was die Offensive nicht wird aufwiegen können. Am Ende der Gruppenphase werden die Griechen aber aus meiner Sicht nicht abgeschlagen Letzter sein, 3 Punkte sind allemal drin.
Meine Wetten für Gruppe A (insgesamt 10 EH):
1. Polen / 2. Russland @ 7,00 William Hill 2/10
1. Russland / 2. Polen @ 6,00 Bet365 2/10
Poland to reach Semi Final @ 5,50 William Hill 0,5/10
Russia to reach Semi Final @ 3,60 William Hill 0,5/10
Poland Top Goalscorer Robert Lewandowski @ 2,75 William Hill 2/10
Poland Top Goalscorer Kuba @ 8,00 William Hill 1/10
Torschützenkönig Robert Lewandowski @ 21 William Hill 0,5/10
Torschützenkönig Kuba @ 151 William Hill 0,5/10
Tschechien to conceed over 4 goals @ 3,00 William Hill 1/10