Aktuelles aus Bochum, im Spiegel-Online von heute:
Fußball-Manipulationsskandal: "Ich war einfach nur blöd" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Sport
Fußball-Manipulationsskandal
"Ich war einfach nur blöd"
Von Rafael Buschmann
Gerichtssaal in Bochum: "Man manipuliert aus reiner Geldgier"
Die Geständnisse und Zeugenaussagen im mutmaßlich größten Bestechungsskandal des europäischen Fußballs offenbaren tiefe Einblicke in die Handlungsweisen der Wettmafia. Vor allem die Motivation für den Betrug wird immer deutlicher: die Gier nach Geld.
Eigentlich zittert er meist 90 Minuten. Doch diesmal musste Stevan R. nur 60 Minuten schwitzen. So lange befragte Carsten Schwadrat, der vorsitzende Richter der 13. großen Strafkammer, Stevan R. am zehnten Verhandlungstag. Der 35-Jährige war aufgefordert zu erklären, ob, wie und wann er an den ihm vorgeworfenen sieben Fußballpartien der Regionalliga sowie zweien der Junioren-Bundesliga manipulativ beteiligt war.
R. gestand, dreimal den Spielausgang durch "finanzielle Unterstützung" entscheidend beeinflusst zu haben. "Allerdings habe ich nicht einen Cent an den Bestechungen verdient. Ich war einfach nur blöd und wollte den falschen Leuten helfen", sagte der einschlägig vorbestrafte Serbe. Und wirft damit eine wichtige Frage auf: Welche Motivation steckt hinter den Schiebungen?
Für Staatsanwalt Andreas Bachmann ist die Antwort klar: "Man manipuliert aus reiner Geldgier. Es gibt keinen anderen Grund."
"Ich weiß nicht, ob seine Kontrollfunktion noch intakt ist"
Die Angeklagten lieferten hingegen kreativere Erklärungen für ihr unrechtmäßiges Handeln: Nürettin G., der Wettpate aus Niedersachen, gab bereits zu Beginn seiner Vernehmungen zu Protokoll, dass das Wetten nur eine seiner Einnahmequellen war. Der Kurde sonnte sich zum damaligen Zeitpunkt in seinem Ruf als "Pate von Osnabrück" und soll die dortige Untergrundszene kontrolliert haben.
Bei Tuna A. sah die Sache völlig anders aus. Der Mönchengladbacher erklärte bei seinem Geständnis, "schon als kleiner Junge auf alles gewettet zu haben". Sein Anwalt Joachim Müller konkretisierte dies: "Mein Mandant ist hochgradig spielsüchtig. Ich weiß nicht, ob seine Kontrollfunktion noch intakt ist." Demnach wettete der 55-Jährige nicht nur auf Fußballspiele, sondern spielte beinahe jeden Abend Karten, Backgammon oder andere Glücksspiele. "Ich habe manchmal die Realität nicht ernst genommen", sagt A.
Dummheit, Machtlust, Spielsucht - die Motivation der Angeklagten, am Milliardenmarkt des europäischen Fußballs mitzuverdienen, könnte in ihren Ausprägungen kaum unterschiedlicher sein. Doch einer wollte diese Ausreden nicht gelten lassen. Ein Zeuge, der gleichzeitig einer der Köpfe des organisierten Fußballbetrugs ist: Marijo C.
Zeuge Marijo C. unterstellt allen Angeklagten Geldgier
Der 35-Jährige betrat den Gerichtssaal C240 des Landgerichts in Bochum in einem feinen schwarzen Anzug. Die Haare gegelt, darunter ein bubenhaftes Gesicht, das nichts Böses vermuten lässt. Doch dann begann C. zu sprechen: "Ich habe einige Spiele manipuliert, nicht wenige. Für mich gab es dabei nur ein Motiv: Das Motiv hieß Geld."
217 Spiele soll der Kroate in halb Europa verschoben haben. 200.000 bis 300.000 Euro habe C. pro Monat gewettet. Dazu einige zehntausend Euro ausgegeben für "laufende Kosten." Darunter fielen Spieler-, Funktionärs-, und Schiedsrichtermanipulation. Wie ein auf Fußballbetrug getrimmter Computer rechnete er im Gerichtssaal Quoten vor, erklärte, wie sich die Angeklagten gegenseitig belogen und betrogen haben und wie leicht es war, sein Manipulationsgeld über Mittelsmänner an die Sportler zu bringen. Dass dabei die deutsche Bundesliga nicht betroffen war, "ist reiner Zufall. Hätte sich das ergeben, hätten wir das gemacht. Aber Spieler in der Bundesliga verdienen wohl zu viel Geld."
C., der selber noch nicht angeklagt ist, sondern lediglich als Zeuge auftrat und in U-Haft auf seine Gerichtsverhandlung wartet, ging auch mit seinen ehemaligen Kumpels nicht pfleglich um: "Alle wollten Geld verdienen. Egal wie." Als Beweis führte er Gespräche unter anderem mit dem ehemaligen und nun ebenfalls angeklagten Profi Kristian S. an, die über Fremdtelefone oder den Internetdienst Skype liefen, "damit wir nicht abgehört werden. Keiner von uns wollte in den Knast."
Ante S. soll alle Angeklagten schwer belastet haben
Allen fünf Beteiligten war von Anfang an bewusst, was sie erwarten könnte. Ihnen war klar, dass bei so vielen Mitwissern irgendwann die Bombe platzen würde. "Aber das verdrängt man", sagte Tuna A. Möglicherweise genauso, wie das vermutlich treibende Motiv für Spielmanipulation. Zumindest bei Stevan R. fällt der Groschen kurz nach der Anhörung von Marijo C. und er ergreift noch einmal das Wort: "Ich sollte von dem Wettgewinn bei einem Verl-Spiel Geld erhalten, wenn ich mit den Verler Spielern zu einem Treffen mit Tuna A. nach Dortmund fahren würde. Von 10.000 Euro sollten 3000 Euro für mich abfallen. Aber das ist das einzige Geld, was ich kriegen sollte. Das habe ich vorhin vergessen zu erwähnen."
Viele Prozessbeobachter erwarten, dass R. und seinen drei Mitangeklagten in der ersten Januar-Woche noch einiges mehr einfallen wird. Denn dann betritt Ante S., der auch schon maßgeblich am Wettskandal 2005 beteiligt war, den Gerichtssaal. S. - so viel sickerte am Rande des Prozesses durch - soll alle Angeklagten in seinen Verhören schwer belastet haben.
Mc