München - Für Reifenhersteller Bridgestone hatte die Saison 2003 Licht und Schatten.
Auf der einen Seite gewannen die Japaner mit Ferrari beide WM-Titel, auf der anderen Seite holte der direkte Konkurrent Michelin fast doppelt so viele WM-Punkte.
Im ersten Teil des Sport1-Interviews bezieht Bridgestones Technischer Direktor Hisao Suganuma Stellung zum momentanen Entwicklungsstand der japanischen Reifen. Außerdem blickt er auf die Saison 2003 und die Zusammenarbeit vor allem mit Ferrari zurück.
Sport1: Hatten Sie einen ruhigen Start ins Neue Jahr, oder waren sie einfach zu beschäftigt, um ein paar Tage auszuspannen?
Hisao Suganuma: Wir haben langsam angefangen, aber es gibt ja immer etwas zu tun. Ich selbst war schon am 2. Januar wieder im Büro.
Sport1: Zahlreiche Teams haben schon ihr Fahrzeug für die Saison 2004 vorgestellt. Wie sieht es mit den Reifen aus? Hat Bridgestone schon sein Modell für die nächste Saison?
Suganuma: Noch nicht.
Sport1: Aber sie haben schon getestet?
Suganuma: Ja, wir haben viele Spezifikationen ausprobiert, um über die Grundlagen für die neue Saison zu entscheiden. Im Grunde haben wir an allen Aspekten des Reifens gearbeitet: An Konstruktion, Mischung und Form. Wir haben alle wichtigen Faktoren überprüft. Während der Tests im November, Dezember und in den letzten Wochen hatten wir den Eindruck, dass wir für 2004 einen wettbewerbsfähigen Reifen haben werden.
Sport1: Lassen Sie und kurz auf 2003 zurückblicken. Während Michelin 408 Punkte holte, kam Bridgestone auf nur 216 Zähler.
Suganuma: Ja, aber wir haben zwei Meisterschaften. Sie haben keine.
Sport1: Also fühlen sie sich, was die Punkte angeht, nicht als Verlierer?
Suganuma: Das ist mir egal. Wir wurden in der Meisterschaft nicht geschlagen.
Sport1: Sie beliefern mehr Teams als das, das um den Titel kämpft. Eines davon war BAR, das nach der Saison zu Michelin wechselte. Inwiefern war dies für Sie ein Rückschlag?
Suganuma: Wir waren darüber sehr enttäuscht. Es ist ein Nachteil, da sie einen ganz guten Beitrag für unsere Reifen-Entwicklung geleistet haben. BAR zu verlieren, bedeutet Testkilometer zu verlieren. Das ist der Nachteil daran, BAR verloren zu haben.
Sport1: Gab es auch etwas wie einen Vorteil?
Suganuma: Es gibt keinen Vorteil. Wir haben eines unserer guten Teams verloren. Für mich ist das eine Enttäuschung. Aber wir müssen mit der jetzigen Situation leben und unser Bestes geben. Wir werden, was die Reifen-Entwicklung angeht, von der verbliebenen Gruppe um Ferrari, Sauber, Jordan und Minardi nun mehr verlangen.
Sport1: Was waren die Gründe für BARs Abschied von Bridgestone?
Suganuma: Ich denke, da fragen Sie lieber BAR. Das war nicht meine Entscheidung.
Sport1: Gibt es ein Team oder einen Fahrer, das oder der am meisten zur Reifen-Entwicklung beiträgt?
Suganuma: Ferrari. Sie führen für uns das umfangreichste Testprogramm durch.
Sport1: Gab es so etwas wie ein koordiniertes Entwicklungsprogramm zwischen Bridgestone und dem neuen Ferrari F2004?
Suganuma: Wir entwickeln unsere Reifen nicht speziell für Ferrari. Wir suchen nur nach neuen Aspekten der Reifen-Performance. Wenn wir versuchen, einen großen Schritt nach vorn zu machen, unternimmt Ferrari große Anstrengungen, um uns zu helfen. Das heißt, sie geben uns mehr Möglichkeiten, die unterschiedlichen Spezifikationen zu testen.
Sport1: Also gibt es keine spezielle Verbindung zwischen dem neuen Bridgestone-Reifen und dem neuen Ferrari-Boliden?
Suganuma: Es ist gar nicht notwendig, das (Ferraris; d. Red.) Auto der Saison 2004 zu haben, um an den Reifen zu arbeiten. Wir sind mit ihrem Auto von 2003 ganz zufrieden. Soweit ich weiß, unterscheidet sich der neue Ferrari, was die Reifen angeht, nicht viel von dem der letzten Saison. Wenn wir einen guten Reifen für das Modell von 2003 finden, dann sollte er auch mit dem neuen Fahrzeug funktionieren. Vielleicht müssen wir ein paar Kleinigkeiten ändern, aber das wird kein Problem darstellen.
Sport1: Würden sie in Anbetracht des guten Verhältnisses zwischen Ferrari und Bridgestone den existierenden Vertrag gerne verlängern?
Suganuma: Ja.
Sport1: Bei den Testfahrten lag Ferrari teilweise bis zu zwei Sekunden hinter den Michelin-Teams Williams und McLaren. Danach kritisierte die Presse Bridgestone für Ferraris schwaches Abschneiden und nicht das Team selbst. Ärgert sie das?
Suganuma: Nein, mir macht so ein Rückstand nichts aus. Wir wissen ja auch nicht, mit wie viel Sprit die Teams unterwegs sind. Wir konzentrieren uns auf unser Reifen-Entwicklungsprogramm. Das bedeutet nicht, die schnellste Rundenzeit zu erzielen, sondern die beste Mischung zu finden, um in der nächsten Saison wettbewerbsfähig zu sein. Während der bisherigen Testfahrten sind wir mit unserem Programm gut vorangekommen und sind sehr zufrieden.
Sport1: Bridgestone war 2003 bei regnerischem Wetter fast unschlagbar, litt aber unter heißen, trockenen Bedingungen. Meinen Sie, dieses Verhältnis bleibt auch 2004 so bestehen?
Hisao Suganuma: Wir haben das Problem erkannt und arbeiten daran, die Leistungsfähigkeit unserer Reifen in diesen Situationen zu verbessern. Ich hoffe, es wird sich ändern.
Sport1: Wie wollen Sie es ändern?
Suganuma: Wir ändern die Komponente A, dann B, dann ändern wir C, dann D und so weiter. Wir arbeiten an der Mischung, der Konstruktion und der Form des Reifens, so dass der Reifen sogar in heißen Bedingungen besser funktioniert. Das ist unser Ziel. Wir gehen dabei so vor: Zuerst müssen wir das Resultat der vergangenen Saison analysieren und herausfinden, wo wir gut dastanden und wo wir weniger gut waren. Während wir versuchen, uns in diesem Bereich zu verbessern, dürfen wir unseren Vorteil, die Beständigkeit, aber nicht aus der Hand geben. Wir haben erkannt, dass unsere Performance bei Hitze nicht so gut war. Ich denke, unser Reifen für die neue Saison kann diese Probleme lösen.
Sport1: Mit Schanghai und Bahrain gibt es 2004 zwei neue Strecken in der Formel 1. Einige Fahrer waren schon in Bahrain und sagten, das größte Problem dort sei der Sand auf der Strecke. Bereitet sich Bridgestone in besonderer Weise auf eine solche Herausforderung vor?
Suganuma: Sand auf der Strecke? Das weiß ich nicht (lacht). Zum jetzigen Zeitpunkt ist es schwer zu sagen, ob Sand auf der Strecke wirklich ein Problem sein wird. Ich denke, als die Fahrer nach Bahrain kamen, war der Asphalt noch nicht komplett aufgetragen. Vielleicht wird der Sand ja auch noch mit Gras bedeckt, wenn die Strecke einmal komplett fertig ist. Um ehrlich zu sein: Es ist schwer, sich auf eine sandige Piste vorzubereiten. Wir müssen erst einmal sehen, wie die Strecke und der Belag letztendlich aussehen. Dann werden wir eine Entscheidung treffen.