Werbeeinschränkung von WM-Sponsor Oddset hat katastrophale Auswirkungen !
Bericht von: Trierischer Volksfreund (22./23.04.06)
Sportvereinen droht Finanzloch
Millionen-Verlust durch Rückzug von Oddset
Trier. Ein Urteil mit Folgen: Weil Sportwettenanbieter Oddset nach einem Bundesverfassungsgerichtsurteil sein Sponsoring einschränkt, droht den Vereinen im Land ein Millionen-Verlust. 1,5 Millionen Euro fließen jährlich von Oddset in den rheinland-pfälzischen Sport.
Im Moselstadion in Trier sind die Oddset-Banden bereits abgehängt. Beim nächsten Heimspiel der Eintracht am 05. Mai gegen Wehen wird der staatliche Sportwettenanbieter nicht mehr auf dem Spielfeld präsent sein. Auch in der Arena Trier, wo Basketballer und Handball-Damen ihre Heimspiele austragen, wird es keine Werbung mehr für Oddset geben. Den Vereinen entgehen dadurch beträchtliche Sponsoring-Einnahmen. Grund für den Oddset-Rückzug ist ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 28. März. Das staatliche Sportwettenmonopol ist zwar grundsätzlich zulässig, aber an strenge Regeln im Kampf gegen die Spielsucht geknüpft. Sportwetten sind in Deutschland nur dem Staat erlaubt. Daher gründeten die Lottogesellschaften Oddset, um an dem lukrativen Wettmarkt teilzuhaben. Lotto Rheinland-Pfalz hat nun Konsequenzen gezogen: Die Oddset-Werbung wird eingeschränkt. Neben Trier ist die Bundeswerbung auch in Mainz und Koblenz bereits verschwunden. Auf Anzeigen in Stadienheftern wird verzichtet, mobile Wettstände während der Spiele werden nicht mehr aufgebaut. Auf den Spielscheinen werden demnächst Warnungen vor Spielsucht aufgedruckt. 1,5 Millionen Euro fließen im Rahmen von Sportsponsoring jährlich von Lotto an Vereine im Land. "Ein nicht unerheblicher Teil geht an Vereine in Trier", sagt Lotto-Werbeleiter Dirk Martin. Geld, das in Zukunft nicht mehr so üppig fließen wird. "In Trier wird es Härtefälle geben", ist sich Martin sicher. Zum Beispiel die Eintracht. Oddset ist einer von drei Topsponsoren des Regionalligisten. "Wenn Oddset wegfällt, haben wir erhebliche finanzielle Probleme", sagt Eintracht-Vorstand Alfons Jochem. In den kommenden Wochen will Oddset alle Verträge für die neue Saison verhandeln. "Der Sport ist der Verlierer", sagt Sportbund-Präsident Hermann Höfer. Nun soll mit dem Land verhandelt werden, damit es auch private Anbieter zulässt.
Oddset wäre kein Monopolist mehr und müsste sich nicht mehr an die strengen Auflagen halten. Noch gebe es kein Konzept, hieß es aus dem zuständigen Ministerium. Man setze auf eine einheitliche Lösung der Länder.
Trier/Koblenz. Während die privaten Wettanbieter kräftig weiter werben, verschwindet die staatliche Konkurrenz Oddset fast ganz von der Bildfläche. Und das alles nur, weil Spielsucht eingedämmt werden soll.
Dirk Martin hat derzeit wohl einen der frustrierendsten Jobs im Land. Der Werbeleiter von Lotto Rheinland-Pfalz muss sich Gedanken darüber machen, wie er am besten keine Reklame mehr für ein Produkt machen soll. "Die Arbeit der letzten eineinhalb Jahre ist mit einem Mal vollkommen für die Füße." Fast zwei Jahre hat er daran gearbeitet, die Fußballwette Oddset ordentlich bei der Fußball-WM zu präsentieren. Immerhin erkaufte sich der bundesweit agierende Staatsmonopolist den Titel "Nationaler Föderer". damit sollten private Konkurrenten aus den Stadien verbannt werden. Und nun darf der WM-Sponsor nicht mehr werben.
Auch private Anbieter im Visier
Damit sollen die Auflagen des Bundesverfassungsgerichts umgesetzt werden. Spielen kann süchtig machen. Und der Staat, der das Monopol auf Sportwetten in Deutschland hat, habe daher eine besondere Verantwortung, schrieben die Karlsruher Richter Ende März den 16 staatlichen Lottogesellschaften ins Stammbuch. Nach Hessen hat nun auch Rheinland-Pfalz Konsequenzen gezogen. Lotto Rheinland-Pfalz zieht sich mit Oddset fast komplett aus der Öffentlichkeit zurück. In Brandenburg und Nordrhein-Westfalen geht man zudem noch gegen private Wettbüros vor. Sie sollen geschlossen werden. Zwar ist durch das staatliche Glücksspielmonopol ein privates Angebot in diesem Bereich verboten, doch wird es mancherorts geduldet. Nach dem Bundesverfassungsgerichts-Urteil herrsche nun Rechtssicherheit: Entweder dämme der Staat die Spielsucht ein oder der Markt müsse für private Anbieter geöffnet werden, argumentiert man in Brandenburg und hat sich für die radikale Lösung entschlossen. In Rheinland-Pfalz setzt man eher auf Konkurrenz. Man müsse den Markt teilweise öffnen und auch privaten Konzessionen geben, heißt es bei Lotto und beim Sportbund. "Wir fürchten uns nicht vor Konkurrenz, wir sind stark genug", gibt sich Lotto-Werbeleiter Martin selbstbewusst. Mit dieser Lösung hofft man, das Werbeverbot für Monopolisten aushebeln zu können. Wenn es Konkurrenz gibt, die dann auch Steuern zahlt, könne das Urteil in der Form nicht mehr gelten, glaubt man. Doch die private Konkurrenz hat wohl gar kein Interesse an erweiterten Konzessionen. Das Geschäft brummt auch so. Etwa beim österreichischen Anbieter Betandwin, der derweil kräftig weiter wirbt. Erst jüngst wurde Betandwin für 60 Millionen Euro Trikotsponsor des AC Mailand. Außerdem kooperiert er mit Werder Bremen, Borussia Dortmund und dem 1. FC Köln. Ob der Wettanbieter seine Werbung auch entfernen muss, ist noch unklar. Oddset ist von 13 Bundesligavereinen offizieller Werbepartner. Auch beim Regionalligisten Eintracht Trier. Ein "stets verlässlicher Partner" sagt Eintracht-Vorstand Alfons Jochem. "Wir haben der Eintracht immer die Stange gehalten. Egal, wie es um sie gestanden hat", sagt Lotto-Werbechef Martin. Und in Zukunft ? "Keine Ahnung", gesteht Martin frustriert.
Kommentar von Redakteur Dieter Lintz zu Sportwetten
Zockende Zombies
Was gut gemeint ist, muss längst nicht immer zu guten Ergebnissen führen. So ist es mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den Sportwetten. Die Richter wollte ein Zeichen gegen Spielsucht setzen, die Zeche zahlen nun die Vereine im Land. Das Gericht hat so getan, als gebe es tatsächlich eine nationale Entscheidungshoheit in Sachen Wettspiele. Dann wäre es ohne Frage ein gangbarer Weg, staatliche Wettmonopole zu unterhalten und ihnen gleichzeitig die Werbung zu untersagen - ähnlich wie bei Spielbanken.
Leider hat diese Idee mit der Realität nichts mehr zu tun. Wer in Deutschland zocken will, kann es längst nach eigenem Gusto tun, via Internet oder in den Wettbüros, die aus dem Boden sprießen. Die Profiteure sitzen irgendwo im weltweiten Dorf. Verbietet man den Monopol-Anbietern, zu werben, nimmt man ihnen die Konkurrenzfähigkeit und ruiniert damit das durchaus intelligente Konzept, den sportlichen "Mittelstand" über die Wetteinnahmen mitfinanzieren zu lassen. Von "Betandwin" aus Gibraltar fließt da kein müder Cent. Die Alternative wird wohl sein, das Monopol zu kippen und alle Anbieter legal zu zulassen. Dann darf Oddset wieder werben, die anderen freilich auch. Ein Signal gegen Spielsucht wäre das sicher nicht mehr. Die Frage ist allerdings, ob der Staat überhaupt erwachsene Bürger gegen alle Gefahren dieser Welt schützen muss. In England, wo man an jeder Straßenecke auf alles wetten kann, was sich bewegt, besteht die Bevölkerung auch nicht aus zockenden Zombies mit ruinierten Finanzen. Und wenn die Spielsucht schon bekämpft werden muss, wie wärs den mit denn Glücksspielern an der Börse ? Die ruinieren schließlich nicht nur sich selbst.