Auch wenn sich heute Nacht etwa 95% des Forums in die US-Sport-Sommerpause verabschiedet haben dürften, noch ein paar Worte von mir zum 6. - und aus meiner Sicht letzten - Spiel der NHL-Finals.
Ich kann diejenigen, die heute Nacht auf Boston (oder sogar auf Gesamtsieger Bruins) sind, gut verstehen.
Die Spiele 3 und 4 waren vom Ergebnis her zu eindeutig, als dass man den Canucks heute Nacht etwas im TD Garden zutrauen könnte. Auch, dass bisher alle 5 Spiele von den jeweiligen Heimteams gewonnen werden konnten, spricht nicht für Vancouver. Und wenn man dann noch in Erwägung zieht, dass Boston bei den Auswärtsspielen nur knapp unterlegen war, dann kommt man zu dem Schluss: Boston ist insgesamt das bessere Team und wird die Serie heute mit dem Heimvorteil ausgleichen.
Ich würde es vermutlich bei jeder anderen Konstellation genauso sehen - nur nicht bei den Canucks. Gehen wir die Faktoren, die für Boston sprechen mal der Reihe nach durch:
- Spiele 3 und 4 in Boston, die kumulativ 12-1 gewonnen wurden. Ich habe es in meinem letzten Beitrag schon erwähnt, dass man sich nicht vom Ergebnis blenden lassen darf. Natürlich war Boston in beiden Spielen insgesamt besser und hat die Spiele verdient gewonnen. Aber Spiel 3 war geprägt von den Special Teams der Bruins. Spätestens das letzte Spiel, in dem Boston wieder 0-4 im PP war, hat gezeigt, dass es ein einmalig schlechtes Special-Team-Play der Canucks war. Und Thomas hatte 40 Saves, es ist selbst bei einem 1-8 nicht so gewesen, dass die Canucks chancenlos waren, vor allem nicht im 1. Drittel. Und in Spiel 4 kommt Thomas erneut auf 30 Saves, Vancouver spielt mit 3 neuen Abwehrpaaren und Luongo lässt alles passieren, siehe letzter Beitrag. Zudem haben sich die Canucks auch unnötig provozieren und beeindrucken lassen von der Rome-Suspendierung bzw. den Horton-Sprechchören und der Burrows-Geschichte. Nachdem dieser in Spiel 1 angeblich in den Finger seines Gegners gebissen haben soll, haben die Bruins jede Gelegenheit ausgenutzt, in Burrows Gesicht rumzufuchteln mit den Worten "Come on, bite me, bite me". Burrows, der in Vancouver noch die passende Antwort in Spiel 2 gegeben hatte, war bei den Auswärtsspielen sichtlich beeindruckt und war in den beiden Spielen nicht der line-mate, den die Sedins für ihr Angriffsspiel benötigen. Das erklärt auch, warum die Sedins (auch wenn sie bisher generell schwach spielen) in Boston völlig untergegangen sind.
- Zur These, Boston sei insgesamt das bessere Team, da man die Canucks at home zweimal mit einem Blow-Out nach Hause geschickt hat und away dreimal knapp mit nur einem Treffer unterlegen war, insgesamt sogar 14-6 nach Toren führt.
So what? Letztlich haben die Canucks alle 3 Heimspiele gewonnen, zwei davon im Shootout, das soll ihnen mal ein Team nachmachen.
Es mag ja sein, dass die Bruins in den ersten beiden Spielen nur knapp verloren haben - aber warum denn? Weil Thomas überragend gehalten hat und Vancouver durch viele Strafzeiten nicht in den Rhythmus kam. Man war aber im 1. Spiel vor allem im Schlussabschnitt klar überlegen und im zweiten Spiel hat man nur im 2. Drittel schwächer gespielt, aber ein 1:2 gedreht. Klar, im 5. Spiel (bzw. dem dritten Auswärtsspiel) war Boston dann zunächst drauf und dran. Aber ich weiß nicht, was hier von Vancouver in diesem Match erwartet wurde? Man kassiert zweimal eine Packung in Spiel 3 und 4 und soll dann in Spiel 5 furios auftreten? Ich finde, die Canucks haben das in großartiger Manier gelöst. Man war präsent, hatte richtig viele Hits, Luongo hat sich eindrucksvoll zurückgemeldet und am Ende stand die 0. Zudem ist es ja nicht so, dass Vancouver in den Spielen vorher anders agiert hätte und man von der Spielweise enttäuscht sein müsste. Die entscheidenden Spiele gegen Chicago oder San Jose zu Hause waren alle knapp, selbst Nashville konnte zwei Siege in der Rogers Arena holen. Die Canucks sind nunmal nicht das Team, das spektakulär agiert, sondern dann, wenn es darauf ankommt, zur Stelle. Letztlich hat man in Spiel 5 ein ganz normales Vancouver-Spiel gesehen.
Demzufolge sind die Bruins auch nicht viel leidenschaftlicher, intensiver und emotionaler in dem Sinne, dass den Canucks das in dieser Serie komplett abgeht und die Bruins die Siege mehr wollen. Nein, es ist einfach nicht ihre Spielweise wohingegen die Bruins immer so spielen. Ich erinnere mal an die Spiele gegen die Flyers. Man kann also aus meiner Sicht nicht anhand der Spielweise darauf schließen, dass Boston momentan besser oder gewillter ist, denn wie gesagt - die Spielweise beider Teams ist seit der ersten Playoff-Partie so wie jetzt, hat sich nicht geändert und wird sich nicht ändern.
Insgesamt hat Boston also bisher alle 3 Auswärtsspiele verloren. Nach dem ersten Spiel waren sie so nah dran, nach dem zweiten noch viel mehr und nach dem dritten auch und und und...Ich habe bei der Washington-Tampa Bay Serie teilweise selbst so pro Washington argumentiert. Das Ergebnis war ein Sweep für die Bolts. Wenn man jedes Mal nicht reif genug ist für einen Auswärtssieg, dann ist man meiner Meinung nach auch nicht insgesamt besser.
- Generelle Heimstatistik: Natürlich ist der Heimvorteil groß, aber die Canucks haben bisher in jeder Serie mindestens ein Auswärtsspiel gewonnen und die Bruins außer beim Sweep gegen die Flyers mindestens 1 Heimspiel verloren. Die Regular Season hat gezeigt, dass Vancouver auswärts jederzeit in der Lage ist, einen wichtigen Sieg zu holen. Und in der diesjährigen Post-Season wurden aufgrund der Heimstatistik beispielsweise auch die Serien Boston - Montréal und Pittsburgh - Tampa Bay als klare Heimserien eingestuft. Bei Boston-Montréal gingen die ersten 4 Spiele jeweils an die Auswärtsteams, bei Pittsburgh holten sich die Bolts zunächst einen Auswärtssieg, dann Pittsburgh 2 am Stück und dann wieder Bolts die nächsten beiden Auswärtsspiele, also 5 Auswärtssiege bei 7 Spielen.
Natürlich haben Statistiken Aussagekraft, aber diese ist in einem make-or-break nur begrenzt. Hier wieder etwas von NHL.com, das es so ziemlich auf den Punkt bringt:
"Stats are for GMs and player agents; what matters is a win," Canucks defenseman Kevin Bieksa said. "During the regular season everyone is trying to get their stats, but in the playoffs, I can only speak for our team. Nobody could care about stats.
"We obviously had a couple of lopsided losses against Chicago where things went the wrong way. We've had two lopsided losses here. Stats aren't going to be in our favor, but you're not playing for stats. You're playing for a win and that's all that counts. That's the benchmark."
- womit wir auch beim 4. Punkt sind, der Neutralisierung der Sedins und Kesler, die schwache Stats haben. Ich hatte es in meiner Serien-Preview schon vermutet, dass die Sedins wie zuvor gegen Seabrook/Keith und dann Suter/Weber Probleme gegen Seidenberg/Chara bekommen könnten. Dass dann auch Kesler bisher nicht stattfindet, ist schon eine enorme Leistung der Bruins-Defensive. Nichtsdestotrotz verfügen die Canucks mit Spielern wie Burrows, Higgins oder in dieser Serie Lapierre weiterhin über Spieler, die den Unterschied ausmachen können. Und in einem entscheidenden Spiel waren die Top-Forwards der Canucks, allen voran Kesler, bisher immer da. Stats sind nicht alles und mich würde es jedenfalls nicht wundern, wenn ein Kesler ausgerechnet heute zuschlägt.
Zusammenfassend bin ich also der Meinung, dass die Canucks durch den Sieg im 5. Spiel heute Nacht psychologisch im Vorteil sind. Dieser Sieg hat der angeschlagenen Defensive um Luongo das nötige Selbstvertrauen gegeben, um sich heute nicht noch einmal vom TD Garden und provozierenden Bruins beeindrucken zu lassen. Vancouver war bisher immer genau dann zur Stelle, wenn es wirklich wichtig war, das letzte Spiel war doch wieder exemplarisch. Ich halte sie für so reif und abgezockt, heute Nacht den ersten Titel ihrer Franchise-Geschichte zu holen.
Wer nach passenden Picks sucht, macht daher aus meiner Sicht mit dem 2-Weg auf Vancouver bei @ 2,30 nichts falsch. Auch das X für @ 4,20 bei William Hill ist gut anspielbar. Boston und Vancouver sind zwei Teams, die in entscheidenden Spielen gerne in die OT gehen (Vancouver gegen Chicago und San Jose, Boston gegen Montréal). Auch gibt es eine kleine Parallele zum letzten Jahr: Da holten die Blackhawks nach 2-0 Serienführung und 2-2 Ausgleich zunächst den 3. Heimsieg, um dann auswärts alles klar zu machen - nach OT.
Wer Boston favorisiert, dem empfehle ich noch folgende zwei Picks:
Boston Schüsse -1,5 @ 1,95 bei Bwin. Boston schon in Spiel 5 mit mehr Schüssen aufs Tor und heute geht es um alles. Aufgrund der letzten beiden Heimspiele werden die Bruins auch heute forsch agieren und den Abschluss suchen, auch um Abpraller/Rebounds zu forcieren.
Oder Krejci to score the first goal @ 11 bei Bwin. Wann immer die Bruins in bedeutenden Spielen in Führung gegangen sind, war die first line daran beteiligt. Falls Luongo heute Normalform hat, werden die Bruins ein für sie typisches Tor brauchen - heißt Diagonalpass in den Slot, wo sich Krejci & Co. besonders wohl fühlen. Allerdings wäre dies eher eine Mitfieberwette, denn in einem vermutlich hitzigen Spiel wird es vorher auch einige PP-Gelegenheiten geben.
Ich persönlich spiele aber nichts an, da meine 4-2 Serienwette auch noch offen ist.
Und zuletzt noch etwas aus der Historie für diejenigen, die Vancouver aufgrund der bisherigen Statistik am Ende nicht vorne sehen:
Wie wichtig ein Sieg im 5. NHL-Finalspiel ist, wenn zuvor jede Mannschaft jeweils zweimal gewonnen hat, zeigt auch ein Blick in die Historie. In den 21 Stanley-Cup-Finalserien, die zwischenzeitlich 2:2 standen, holte 15mal das Team den "Pott", das die 5. Partie gewann. Nur sechsmal drehte eine Mannschaft einen 2:3-Rückstand noch um: 1950 die Detroit Red Wings, 1964 die Toronto Maple Leafs, 1971 die Montreal Canadiens, 2001 die Colorado Avalanche, 2004 die Tampa Bay Lightning sowie 2009 die Pittsburgh Penguins.
Und dann ist da noch das Gesetz der Serie bezogen auf kanadische Teams und Olympia:
1976 fanden die Olympischen Sommerspiele in Montréal statt, 1977 holten die Canadiens den Stanley Cup.
1988 fanden die Winterspiele in Calgary statt - 1989 holten die Flames den Stanley Cup.
2010 fanden die Winterspiele in Vancouver statt - 2011 holen die Canucks den Stanley Cup [[yo]]