KHL vs. CHL: Ein Machtkampf ohne Sieger
Die russische Kontinental Hockey League bringt seit ihrer Gründung reichlich Bewegung in die Eishockey-Welt. KHL-Präsident Alexander Medvedev träumt von der Erweiterung zu einer gesamteuropäischen Top-Liga, doch noch steckt der Umsetzungsprozess in den Kinderschuhen. Eishockeyweltverband IIHF stemmt sich zudem mit aller Macht gegen die russischen Expansionspläne.
sportal.de verrät, ob sich im Welteishockey in der Tat ein Umbruch anbahnt.
Medvedev (54) hat eine Vision. Er träumt von einer gesamt-europäischen Liga unter seiner Leitung. „United Hockey League" soll sie heißen und das Pendant zur nordamerikanischen „National Hockey League" werden. Dabei geht es dem ehrgeizigen Russen um nichts weniger als die Vorherrschaft im Welteishockey.
Erst einmal aber muss Medvedev Mitstreiter finden, die ihn bei der Umsetzung seiner hochfliegenden Pläne unterstützen. Medvedevs Gedankenspiele stoßen immer wieder auf Interesse. Der Russe hält eine Umsetzung schon zum Herbst 2011 für machbar. Dann will er mit den 24 KHL-Teams und je 16 Mannschaften aus Nord- bzw. Zentraleuropa starten.
Die Liste der europäischen Klubs, die mit Medvedev und der KHL in Verbindung gebracht werden, ist mittlerweile ellenlang. Sie reicht durch alle europäische Topligen bis hin zum Deutschen Meister Berlin. Deren Manager Peter-John Lee (53) erklärte schon im letzten Jahr: „Es gibt ein
Angebot und wir werden alle Möglichkeiten durchspielen". Passiert ist bis heute nichts. Das gilt für alle Vereine, deren Name in Verbindung mit der KHL gefallen ist.
Unter ihnen ist auch der aktuelle Champions-League-Sieger ZSC Lions Zürich. Deren Chef Peter Zahner bestätigt die Ideen zu einer Europaliga, verweist aber im selben Atemzug darauf, dass solche Pläne zurzeit nicht realisierbar und wenig konkret seien. Ähnliche Stimmen sind europaweit zu vernehmen. Selbst in Schweden. Dort ist die Anhängerschaft für eine länderübergreifende Liga am größten. So sind fünf der größten Klubs des Landes zum Saisonende 2010 aus der ersten Liga „Elitserien" ausgestiegen, um sich nach Alternativen umzusehen.
Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Medvedevs Visionen sind derzeit scheinbar nicht mehr als leise Zukunftsmusik. In der KHL klafft zudem schon jetzt eine große Lücke zwischen
Anspruch und Realität. Die Liga wurde zur vergangenen Saison als Nachfolger der russischen Superliga gegründet, neben einem Gros an russischen Klubs spielen auch Teams aus Weißrussland, Kasachstan und Lettland in der KHL. Geldgeber ist allen voran der Mineralölkonzern Gazprom, deren Vize-Aufsichtsratchef Medvedev ist.
Dennoch hat die KHL mit finanziellen Problemen zu kämpfen, die Infrastruktur wird nur selten professionellen Standards gerecht. Gerade nordamerikanische Profis nehmen nach kurzer Zeit wieder Reißaus, trotz hoher Gehälter. So kehrte auch Mannheims Jame Pollock (30) nach einem Gastspiel wieder in die DEL zurück und berichtete von den unwürdigen Umständen in Russland. Ähnlich erging es Derrick Walser (31, Berlin) oder Jeff Ulmer (32, Frankfurt).
Finanzielle Disbalance
„Ich erlebte einen wahren Kulturschock", bestätigte auch Eduard Lewandowski (29) im
sportal.de-Interview und attestierte mangelnde Professionalität - in allen Bereichen. Der ehemalige deutsche Nationalspieler berichtet von einer enormen finanziellen Disbalance zwischen den Mannschaften. „Dadurch klafft nicht nur eine große Lücke zwischen den Teams der Liga, sondern auch zur NHL".
Im Hinblick auf seine Expansionspläne muss sich Medvedev nicht nur um die Probleme in der eigenen Liga kümmern. Mit IIHF-Präsident René Fasel (59) steht ein mächtiger
Mann der Eishockey-Welt Medvedevs Plänen wenig wohlgesonnen gegenüber. Eine gesamteuropäische Liga in russischer Hand wäre ihm ein Dorn im Auge.
IIHF plant eine neue CHL
Nun plant Fasel die Wiedereinführung der Champions Hockey League (CHL) um Medvedev den Wind aus den Segeln zu nehmen. Kürzlich einigte sich die IIHF mit Hockey Europe, einem Zusammenschluss der Profiligen aus Deutschland, Finnland, Schweden, Tschechien, der Slowakei und Schweiz, den Spielbetrieb zur kommenden Saison wieder aufzunehmen, sollte bis dahin ein potenter Sponsor gefunden worden sein.
Im vergangenen Jahr steuerte einen Hauptteil der finanziellen Mittel Gazprom bei, eben jenes Unternehmen, das die KHL fest unter seiner Kontrolle hat und dessen Vize-Aufsichtsratchef Medvedev ist. Die Gründe für den Ausstieg in der CHL liegen auf der Hand. Und so musste sich Fasel auf die Suche nach einem neuen Geldgeber machen. Bis zum 13. November können sich interessierte Unternehmen bei der IIHF bewerben. Sollte bis dahin ein Sponsor fehlen, ist die Rückkehr der CHL geplatzt.
CHL-Comeback scheint wenig wahrscheinlich
Fasel selber erfreut sich bei den Vertretern der europäischen Spitzenklubs nach dem plötzlichen Ende der CHL keiner allzu großen
Beliebtheit. Die Vereine stellten Ansprüche auf die entgangenen Einnahmen, Fasel lehnte nur wirsch ab und machte sich damit keine Freunde. Nach der Übereinkunft mit Hockey Europa sagte Fasel: „Wir haben die Meinungsverschiedenheiten beseitigt und unser gemeinsames Ziel ist nun ein erfolgreicher Neustart." Zugleich sicherte er finanzielle Entschädigungen zu. Sollte der neue Anlauf scheitern, könnten sich dennoch neue Wirrungen ergeben.
Wirklich glaubhaft erscheint ein CHL-Comeback momentan nicht, auch wenn Fasel große Zuversicht an den Tag legt. Schon bei der ersten Auflage im vergangenen Jahr sprach er von einem abgesicherten Spielbetrieb für die nächsten drei Jahre. Der Rest ist Geschichte. Doch selbst wenn Fasel seine CHL-Pläne vorerst auf Eis legen muss, Medvedev kann davon momentan nicht profitieren. Bevor er die Umsetzung seiner Ideen verwirklichen kann, muss der Russe noch einige Hürden nehmen.
Ob es jemals eine gesamt-europäische Liga geben wird, scheint so oder so fraglich. Die Duelle mit Klubs aus der sibirischen Tundra versprechen den meisten europäischen Klubs wenig
Attraktivität. Und so bleiben Medvedevs Überlegungen Visionen. Nicht mehr und nicht weniger. Ein Umbruch der Eishocky-Welt bahnt sich, zumindest momentan, nicht an.
Daniel Pietzker
KHL vs. CHL: Ein Machtkampf ohne Sieger - Sportnachrichten - Eishockey - Sport Live bei sportal.de