Hamburg
Dank des enggedrängten Spielplans, sind die Lizenzspielerabteilungen des VfB Stuttgart und des Hamburger SV gleichermaßen dazu gezwungen ihre jeweiligen Serien fortzusetzen, wobei die Hamburger doch ganz gerne ein wenig innegehalten hätten. Es hilft aber alles nichts. Ein durchaus entspannter VfB Stuttgart empfängt die nervlich labile CL-Truppe des HSV, des mit Stars vom Kaliber eines Ljuboja gespickte Dinosauriers der Bundesliga. Nicht ganz ohne Berechtigung weist Veh, betont sachlich, auf die Gefahren bzgl des unangenehmen Gegners hin („Ein angeschossener Saurier ist besonders gefährlich“). Kontrahent Doll hingegen („Macht was ihr wollt. Ich habe keinen Plan mehr.“) scheint ein wenig ausgebrannt.
Eine phänomenale Stimmung begrüßt den VfB im heimischen Neckarstation. Um den jugendlichen Charakter des Gastgebers zu unterstreichen, gesellt sich zu Fritzle und Breuninger-Bär noch ein imposanter „Samson“. HSV-Maskottchen Uwe Seeler, trotz allem erfolgreich 70 geworden (Herzlichen Glückwunsch aus Stuttgart), zog es vor zuhause in hanseatischer Ruhe und Gelassenheit zu verharren. Fußball ist ja nicht immer schön. Demgegenüber scheint „Uns Erwin“ guter Dinge. Statt dem Tandem Dr. Hundt (****) und Staudt (Asche), sehen wir ein Tandem des Frohsinns. Unmittelbar vor der Partie begrüßt das Publikum das Hamburger Starensemble um Ljuboja. Über den genauen Wortlaut einiger Äußerungen deckt die Kugel den Mantel des Schweigens.
5. Minute
Schon jetzt wird klar, der HSV scheint seltsam blockiert. Die Spieler scheinen sich gar nicht zu kennen, obwohl die kurzfristig, von den hilfsbereiten Hostessen der DaimlerChrysler Tagungsstätte entlehnten, Namensschildchen die ärgste Not lindern.
14. Minute
Boka und die Juniors erspielen sich ein drückendes Übergewicht im Mittelfeld, das entfernt an Buffy erinnert. Sehr drückend. Der heute von Beginn an aufgebotene Hitzlshammer kauft Van der Vaart (im Folgenden VdV genannt) den Schneid ab, Delpierre kauft gleichzeitig Ljuboja den Neid ab.
21. Minute
Streller, heute wieder an der Seite von Gomez stürmend, profitiert von einer Hereingabe des schon wieder aller Defensivaufgaben ledigen (wann verteidigt der denn endlich?) Boka. Ungewohnterweise versenkt der Schweizer seine erste Chance zum 1:0.
31. Minute
Die mitgereiste Hundertschaft Hamburger Fans („Wir ham die Schnauze doll!“) nimmt apathisch das 2:0 für die erschreckend abgebrühten Halbstarken des VfB zur Kenntnis. Diesmal gelingt es Tasci sich genau zwischen Feilhaber und Klingbeil, 2 Spielern, die sich offenbar nicht kennen („Ich dachte Du bist Sorin“), durchzuschlängeln und aus kurzer Distanz durchzusetzen.
37. Minute
Der Tiefpunkt des Spiels. Ljuboja umkurvt Hildebrand und locht zum 2: 1 ein, woraufhin sich der Torschütze provokant an die Raute deutend an die Cannstatter Kurve wendet. Gut möglich, daß der erprobte Wappendeuter sich in der nächsten Saison bei Harry Deutinger wiederfindet.
38. Minute
Ich vergaß: Klares Abseits!
44. Minute
Gomez, bislang im Schatten der heute bokastarken Hammersperger, Osorio, Pardo, Streller, Da Silva, Delpierre, Tasci, Hilbert, Boka und Hildebrand stehend, setzt sich fulminant gegen Mathijsen durch und schließt zum 3:0 ab. Wächter, Atouba und Mathijsen scheinen sich vorher nie gesehen zu haben.
Halbzeit
Während aus der Nachbarkabine ein hemmungsloses Schluchzen zu vernehmen ist, bleibt Veh, auch angesichts der bedauernswerten Verfassung des Gegners, wie immer sachlich: „Der HSV ist am Ende. Gebt ihnen den Rest. Keine Gnade, kein Pardon, harrharrharr“. Derartige moderate Töne beeindrucken die Jungs mit dem Brustring und der Trainer gewinnt an Autorität und Respekt. Meissner wird nun speziell auf Ljuboja angesetzt, um diesem einen frühzeitigen Wechsel zur nächsten Saison ans Herz zu legen.
48. Minute
Leider leider scheint Doll jedem Fußballfreund sympathisch und „unverschuldet in Not geraten“, also ein klassischer Fall für die ehrenwerte Uwe Seeler Stiftung . Leider sieht es der Schiedsrichter genauso. Ein „Elfer des Erbarmens“ wird gespendet. Kein Spieler des VfB reklamiert („Na ja, ist ja für Doll“, „Armer armer Mann“ und „Schon Okeh“ lauten die Reaktionen.
49. Minute
Der lässig am Pfosten lehnende Hildebrand („Doll ist schon in Ordnung“) wird von Jarolim angeschossen. Das biblische Buch Hiob muß um das Kapitel Doll erweitert werden. Irgendwie scheinen tatsächlich zwei äußerst prominente HERRschaften da eine Wette laufen zu haben.
65. Minute
Es sträubt sich bereits die Feder. Selbst die Cannstatter Kurve weint. 4:0. Der Sonntagsschuß von Da Silva entspricht in seiner theoretischen Häufigkeit einer besonders unwahrscheinlichen Konstellation mehrerer Planeten und einiger Asteroiden. Vermutlich wird irgendwo gerade jemand sehr wichtiges geboren.
78. Minute
Ljuboja geht. Standing Ovations (weil so die Sitzkissen aus der Haupttribüne weiter fliegen). Wie schon vor Beginn der Partie sind mir die genauen Inhalte der begleitenden Sprechchöre vornehm verborgen.
87.Minute
Einer noch. Pardo, der Doll, wie er später angibt, erstens gar nicht kennt und zweitens nicht sooo sympathisch findet, weil er ihn an den gefürchteten mexikanischen Bandenchef El Pokke de Narbre erinnert, schlenzt das Leder in die dafür bestimmte Zielvorrichtung. Nun ja, wer weiß wofür das 5:0 gut ist.
Abpfiff.
Stuttgart feiert, steht allerdings auch ein wenig unter Schock. Der letzte Dinosaurier stirbt aus. Die Cannstatter Kurve erinnert an Don Vitti beim Psychiater. Manager Beiersdorfer relativiert derweil die Niederlage: „Die Mannschaft muß sich erst kennenlernen und Stuttgart ist ja nicht irgendwer, außerdem kennen sich hier alle. Wir müssen nun weiter arbeiten. Auch Rom ist nicht an einem Tag abgestiegen usw blabla blubb..“ Keine Spur von Sachlichkeit, die beispielsweise erneut Veh („Zack zack Fünferpack! Harrharrharr“ und „Für Thomas Doll tut es mir schon leid. Und für Uwe Seeler.“) auszeichnet.